Zweifellos ist es eine hohe Anerkennung für die Wirtschaftsführung der Bundesrepublik, daß sie nun als nicht mehr hilfsbedürftiges und dollararmes Land bezeichnet wird. Ab Juli dieses Jahres sollen keine direkten Dollarhilfen mehr zum Ausgleich der westdeutschen Dollarbilanz gewährt werden. Für West-Berlin und womöglich auch für die Flüchtlingshilfe will man Sonderregelungen treffen, im übrigen aber glaubt die ERP-Verwaltung, daß die Bundesrepublik das Ziel des Marshall-Planes erreicht habe. Die deutsche Leistung gewinnt noch an Bedeutung gegen den düsteren Hintergrund von jetzt 30 Mrd. DM aufgebrachter Besatzungskosten, ungerechnet der Reparationen, Demontagen und Verluste an Auslandsvermögen, und ohne Bewertung der Teilung Deutschlands. Mit rund 1,5 Mrd. $ amerikanischer ERP-Geschenke und Darlehen (gegenüber 3 Mrd. an Großbritannien und 2,6 Mrd. an Frankreich) ist zwar die deutsche Wirtschaft nicht wiederaufgebaut, aber doch instandgesetzt worden, ihre Wiederherstellung in Gang zu bringen.

Vergleicht man nun die deutsche Wirtschaft mit der anderer ERP-Länder, die noch eine Dollarlücke aufweisen und somit in den Genuß weiterer Hilfeleistungen kommen sollen, so ergeben sich eine Reihe auffälliger Unterschiede. Da erscheint die Bundesrepublik in der Rolle eines sparsam wirtschaftenden kleinen Angestellten, der durch Konsumverzicht, Einschränkungen aller Art und bedeutende Mehrarbeit zu Ersparnissen gelangt und mit ihnen seine Schulden zahlt. Hier wird also zugunsten einer glatten Rechnung mit Lieferanten und Gläubigern am Notwendigsten gespart: an Kleidung und Mobiliar, an Nahrungsmitteln und Investitionen, an Arbeitsbeschaffung und sozialen Leistungen. Das ergibt sich eindeutig aus den Vergleichen des Pro-Kopf-Verbrauchs bei allen Gütern, Dienstleistungen oder Kapitalaufwendungen zwischen der Bundesrepublik und anderen ERP-Ländern. Jedoch wird an die Wirtschaftssysteme der „Vollbeschäftigung“ und der „Defizitwirtschaft“ nicht der Maßstab effektiver Hilfsbedürftigkeit oder relativer Wirtschaftskraft gelegt, sondern die Existenz des Dollar- oder Handelsdefizits wird bereits als Grund zur Gewährung weiterer Hilfen angesehen.

So ergibt sich die paradoxe Lage, daß eine durchaus hilfsbedürftige Person keine Hilfe mehr erhält, weil sie sparsam zu wirtschaften versteht und ihre Schulden bezahlt. Ihre begüterten Nachbarn brauchen aber ihre Reserven nicht zu mobilisieren, eben weil sie über ihre Verhältnisse leben und daher Schulden machen, was ihnen von der Wohlfahrtsbehörde als Armut bescheinigt wird. Man mißt die Hilfsbedürftigkeit an „Zahlungslücken“ und nicht am lebensnotwendigen Bedarf. Als Empfänger amerikanischer Wohlfahrt ist es nur nötig, schwach zu sein. Vom Geschäftspartner verlangen die USA jedoch ungewöhnliche Fähigkeiten und die Bereitschaft zur Bewältigung hoher Risiken... E. O. G.