Wer viel von sich reden macht, muß es sich gefallen lassen, daß auch manch Böses über ihn gesagt wird. Jean Cocteau hat das auch erfahren müssen. In letzter Zeit aber wurde es ihm zu viel: Cocteau, der über sechzig Jahre alte Veteran so mancher Literatenkampagne, kehrte Paris beleidigt den Rücken. In „Santo Sospir“, seiner luxuriösen Eremitage, an der Côte d’Azur, hat er nun seine Lebensbeichte geschrieben, das „Journal eines Unbekannten“, wie er sie ironischerweise nennt.

„Ohne Zweifel bin ich der am meisten unbekannte und der am meisten berühmte französische Dichter“, erklärt Cocteau in seinem soeben bei Grasset in Paris erschienenen Tagebuch – ohne sich lange bei falscher Bescheidenheit aufzuhalten. „Ich habe Paris verlassen“, so liest man weiter, „weil man dort die Methode der mexikanischen Tortur kultiviert: das Opfer wird mit Honig überstrichen und nachher fressen es die Ameisen.“

Eine der Ameisen, die Cocteau das Leben schwer gemacht haben, war André Gide, von dem es im „Tagebuch“ heißt, daß er den bedauernswerten Cocteau aus purer Eifersucht habe umbringen wollen. „Und dabei mochte ich Gide ganz gern“, schreibt Cocteau – „obwohl er mir auf die Nerven ging. Übrigens war es umgekehrt das gleiche. Als er seinen ,,Ödipus“ später geschrieben hatte, als ich den meinen, sagte Gide zu mir: ‚Mir scheint, es herrscht eine ödipemie in Frankreich.‘“

Ein anderer der Freunde Cocteau’s, der später in seinen Büchern manch Schlimmes über ihn gesagt hat, war der seit 1944 in Hamburg verschollene Dichter Maurice Sachs. Cocteau erzählt, daß Sachs ihm einmal seine gesamte Pariser Wohnung ausgeräumt und sie einschließlich der Bibliothek öffentlich versteigert habe. „Als ihm die Schulden dennoch über den Kopf wuchsen“, schreibt Cocteau, „trat Maurice Sachs in ein Kloster ein; wobei er allerdings nicht vergaß, in seine Klosterzelle diverse Pakete amerikanischer Zigaretten einzuschmuggeln.“

Auch Mauriac, der vorjährige Nobelpreisträger der französischen Literatur, gehört Zu den Ameisen, die es angeblich auf den Cocteau’schen Honig abgesehen hatten. Erst kürzlich schrieb er Cocteau nach der Uraufführung des „Bacchus“ einen bitterbösen Fehdebrief, indem er ihm die Freundschaft kündigte. „Mauriac schießt schlecht“, meint Cocteau jetzt in seinem Tagebuch. „Er verfehlt immer die Tonpfeife, auf die er es abgesehen hat, weil er darauf achtet, daß ihn die Schießbudendame in einer vorteilhaften Positur bewundern kann.“

Gewiß, Jean Cocteau, das alternde „enfant terrible“ der französischen Literatur, hat es nicht leicht gehabt in seinem Leben. „Ich erregte Ärgernis über Ärgernis“, stellt er aufseufzend fest, „ob ich nun schrieb, ob ich einen Film drehte oder ob ich malte. Ich habe nun einmal die Gabe, Ärgernis zu erregen. Auch nach meinem Tode wird es noch so sein.“

Armer Jean Cocteau ... Aber sein Kummer gibt ihm wenigstens die Gewißheit, daß man nach seinem Tode noch über ihn spricht. g. st.