Von E. A. Greeven

Aus dem Geheimfach seiner Erinnerungen an Begegnungen mit seltsamen Käuzen, Sonderlingen, Originalen und undurchschaubaren Existenzen („Die Venus von Bengasi“, „Die Kavaliere von Ekeby“ und „Der geheimnisvolle Herr Bibi Quatorze“) holt E. A. Greeven hier eine Episode hervor, die von der Zeit nach dem ersten Weltkrieg eine luftige Brücke zur deutschen romantischen Dichtung um 1800 schlägt.

Im Spätherbst 1922 fuhr ich als Berichterstatter von Berlin zu einem Minderheiten-Kongreß nach Wien und blieb ungefähr eine Woche dort. Am Abend des ersten Tages schlenderte ich durch die Geschäftsstraßen Wiens und besah mir die Auslagen in den Schaufenstern. Die Stadt hatte, wenn ich mich recht erinnere, ihre Inflation schon hinter sich, machte aber, verglichen mit der Zeit vor 1914, einen trübseligen Eindruck. Vor einem Antiquitätenladen blieb ich stehen und war überrascht, zwischen minderwertigem Gerümpel eine fein gearbeitete, kleine Buchsbaumgruppe, eine sogenannte Anna Selbdritt zu entdecken. Wirklich, eine erstaunlich gute Arbeit. Da sagte eine zaghafte Stimme neben mir: „Bitt’ schön, aus was für einen Holz ist das geschnitzt?“ – Ich schaute auf und sah in die kränklich blassen Züge eines hageren Mannes mit tiefliegenden, sehr dunklen Augen. Er war einfach, fast dürftig gekleidet und konnte von Beruf ein kleiner Schreiber oder Handwerker sein. „Aus hartem Buchsbaumholz“, erwiderte ich, und er nickte vor sich hin. Nachdenklich meinte er: „So sauber geschnitzt, fast wie ziseliert, wie auf den Medaillen von Sebastian Dadler.“ Sieh’ da, dachte ich – ein alter Graveur. Doch hatte ich falsch geraten. Wir kamen ins Gespräch und ich erfuhr, daß er Antiquar sei; aber nur ein ganz winziger, wie er lächelnd gestand. Er erzählte mir, daß er in Leipzig bei Harrassowitz gelernt, bei Fock gearbeitet und in seiner Jugend mit Heißhunger alles verschlungen habe, was ihm an Büchern unter die Hände gekommen sei. Nur ein guter Kaufmann –, das sei er leider nie gewesen. Auch Medaillen habe er früher einmal gesammelt und von Sebastian Dadler einige besessen. Wie es so geht, er habe sie verkaufen müssen, um bares Geld zu bekommen für eine höchst bedeutsame Anschaffung. Als er das sagte, bekam seine Stimme etwas Geheimnisvollesund in-seinen Augen wurde ein leichtes Flackern sichtbar. Ein schrulliges Original mit einem leichten Sparren, ging es mir durch den Kopf, während wir zusammen weitergingen, als ob es selbstverständlich wäre, die zufällige Bekanntschaft fortzusetzen. Als er hörte, daß ich aus Berlin käme und nur kurz in Wien zu tun hätte, wurde er mit einem Male sehr lebhaft und stellte rasch hintereinander einige Fragen, die ich mir in keiner Weise zusammenreimen konnte. Ob ich auch Potsdamer Familien näher kennen würde, ob ich etwas von preußischer Heraldik verstünde, und zum Schluß kam er mit der seltsamen Frage heraus, ob ich mit dem Mechanismus von Geheimfächern, wie man sie ehemals in Möbeln einzubauen liebte, Bescheid wüßte. Leider mußte ich dem guten Manne antworten, daß ich auf diesem Gebiete bisher keine Erfahrungen hätte, was er mit einem kuriosen Kichern quittierte. Inzwischen waren wir in eine Straße mit älteren, großen Häusern gekommen, die früher wohl bessere Tage und vornehmere Bewohner gesehen hatte. Plötzlich blieb mein Begleiter stehen und klappte seine hagere Figur zu einer Verbeugung zusammen, murmelte einen Namen, der wie Hubaczek klang und bat mich, ihm die Freude zu machen, ein Stündchen in seiner nahen Wohnung bei einem Glas Wein mit ihm zu verbringen. Ich gestehe, daß ich einen Augenblick zögerte, der abendlichen Einladung eines Unbekannten in einer mir fast fremden Stadt zu folgen. Aber mein Gefühl sagte mir, daß von diesem etwas absonderlichen Kauz nichts übles zu erwarten sei, sondern, daß ich vielleicht sogar im Verlauf des Abends die Lösung seiner rätselhaften Fragen erfahren dürfte.

Wir schritten durch einen Torweg und gewölbten Gang zu einem Innenhof, auf den der nächtliche Himmel mit ein paar spärlichen Sternen niederschaute. Eine Steintreppe führte zu den oberen Stockwerken. Wir kletterten bis zur dritten Etage, und mit chevaleresker Handbewegung hieß der Alte mich in seine Wohnung eintreten. Im geräumigen Vorraum fiel mir als einziges Prunkstück ein hoher, eingelegter Sekretär von etwa 1780 auf, der schlecht zu drei sehr gewöhnlichen Stühlen und einem gußeisernen Garderobenständer zu passen schien. Im Vorbeigehen strich Hubaczek verstohlen zärtlich über die helle, polierte Nußbaumplatte des Schreibschrankes und führte mich mit altväterlichem Zeremoniell in seine Wohnstube.

Bei unserem Eintritt erhob sich eine vielleicht fünfzigjährige, säuerlich dreinblickende Frau, die Hubaczek als seine Schwester Clementine vorstellte, die ihm den Haushalt führe, auf beiden Ohren taub und ein Malefizdrachen sei. Sie war ebenso hager wie ihr Bruder und hatte einen kalten, harten Blick. „Hol’ uns ein’ Wein, Clementin!“ – schrie er mit mehr Kraft als ich ihm zugetraut hätte und machte dabei die Gebärde des Trinkens. Der Malefizdrache verschwand und ich hatte Muße, mich in der Stube ein wenig umzusehen. Im Hintergrund stand ein runder weißer Kachelofen, der zweifellos aus den Glanztagen des Hauses stammte und die Decke trug noch die Überreste einer einst reichen, leicht vergoldeten Stuckatur. Was jedoch das Erstaunlichste war: inmitten eines zwar nicht ärmlichen, aber ganz kleinbürgerlichen Mobiliars standen zwei prächtige antike Sekretäre, einer aus Mahagoni mit Bronzebeschlägen und der andere aus Rosenholz, der in seiner Bekrönung ein Wappen mit der Freiherrnkrone trug. Mittlerweile hatte die taube Clementin den Wein und zwei Gläser gebracht und pflanzte sich mit einem vollendeten Mangel an Grazie auf das schwarze Roßhaarsofa, sah uns mit bösen Augen wie ein Uhu an und schwieg beharrlich. – Nachdem Hubaczek mir auf zierliche Weise mit seinem Glase Bescheid getan und nochmals für mein Kommen gedankt hatte, deutete er auf die prunkvollen Sekretäre. „Sie werden sich schon gewundert haben, verehrter Herr, daß ein kleiner Mann wie ich sich einen solchen Luxus leistet. Aber glauben Sie mir, es war die einzige Möglichkeit für mich, vielleicht doch noch ein richtiger Antiquar mit einer weltberühmten Firma zu werden. Wenn... ja, wenn! Dann säße der Ferdi Hubaczek auch am Graben oder auf dem Kärtnerring, wo die Großmächtigen der Zunft ihre Inkunabeln und Raritäten auf Samt ausstellen und ich brauchte nicht an hungrige Seminaristen und kleine Mädchen billigen Schund zu verhökern. Schauen Sie, lieber Herr, so hätt’ es kommen können, wenn Klein-Zaches nur eine Stunde länger gelebt hätte.“

Ich schaute verdutzt auf. „Entschuldigen Sie Herr Hubaczek, wieso Klein-Zaches? Der ist doch –“

Der Alte schüttelte lächelnd den Kopf. „Nein, nein, wir nannten ihn nur so, weil er klein war, wie ein Zwerg und Zacharias hieß. Ein Kunsttischler, der vor fünfzehn Jahren aus Berlin kam und sich auf das Herrichten von antiken Möbeln geworfen hatte. Ein Meister in seinem Fach, der nur für den Hof und hohe Herrschaften arbeitete Jedes Jahr fuhr er einmal nach Berlin, um seine Braut zu besuchen, wie er sagte. Aber das war Geflunker, verstehen Sie, weil Klein-Zaches auch auf diesem Gebiet etwas gelten wollte. Jedesmal brachte er wertvolle Stücke mit, die er aus guten Häusern erwischt hatte. Der Profit liegt nämlich immer im Einkauf, mein Herr, selten im Verkauf. Ich hatte Klein-Zaches im Kaffeehaus beim Tarockspielen kennengelernt, und obwohl er nicht aus Prag war, wie ich, der ich dort geboren bin – er verstand was vom Tarocken. Verzeihen Sie, ich schweife ab. Ihr Wohl, mein Verehrtester!