Schon oft ist der Hang Hollywoods zur Perfektion und historischen Genauigkeit in Langeweile ausgeartet. Der Farbfilm „Johanna von Orleans“ mit Ingrid Bergman in der Titelrolle, der geschichtliche Genauigkeit bis zur letzten Niete für die Rüstung der Jungfrau erstrebte, war ein Beispiel dafür, daß historisch genaue Szenen blaß, ja, verlogen wirken, wenn sie nichts als historisch sind.

In dem Farbfilm „Moulin Rouge“ jedoch, der jetzt in New York anlief und bei uns für die Aufführung vorbereitet wird, ist der Hollywooder Wunderglaube an die Perfektion zum erstenmal gründlich verleugnet worden, Es stimmen in diesem Film um das Schicksal des Pariser Malers Henri de Toulouse-Lautrec nicht nur viele Daten nicht; es ist eine teilweise sehr oberflächliche Simplifikation einer komplexen und bedeutenden Persönlichkeit, geschaffen nach dem sehr intensiven, aber auch schon sehr freien Roman von Pierre la Mure, obwohl die Drehbuchautoren sich an den vorhandenen seriösen Biographien von Gotthard Jedlicka oder Gerstle Mack hätten informieren können. Der Film ist also nicht gemacht, der bildenden Kunst zu dienen, sondern vielmehr, ein breites Publikum zu finden, aber es ist dennoch ein kunstvoller, ein sehenswerter Film geworden. Die Autoren haben es sich nicht entgehen lassen, aus der tragischen Geschichte des zwergenhaften Malers vom Montmartre die wilden Liebes- und Saufgeschichten herauszusuchen und sie sentimental zu umranken, sie haben nicht nur einen dramatischen Treppensturz an den Anfang gesetzt, der das Beinleiden des Künstlers erklären soll, sondern haben sich einen zweiten, frei erfundenen Unfall für das Ende aufgespart. Sie dichten ihm auch einen Selbstmordversuch aus unglücklicher Liebe an, aber gerade diese Szene, die peinlich berührt, wenn sie beginnt, ist zu einer großen künstlerisch starken Tat geworden. Man sieht Toulouse-Lautrec, wie er in einer jener verzweifelten Stunden, die es im Leben jedes Menschen gibt, in seinem Atelier die Gashähne öffnet und, auf einem Stuhl sitzend, zu sterben bereit ist. Da fällt sein Blick auf ein angefangenes Bild. Er steht auf und beginnt zu arbeiten, während das Gas rauscht. Immer begeisterter arbeitet er, geht, weil er sich plötzlich des Gasgeruchs bewußt wird, ohne Hast zu den Lampen, schließt die Hähne und öffnet die Fenster, durch die man einen berückenden Blick auf das silbrig flimmernde Morgengrau über der Seine hat – dann malt er voller Konzentration weiter. Ein Augenblick voller Einsamkeit und Größe. Und hier wie an einigen anderen Stellen des Films spürt man etwas von der noblen Haltung des bedeutenden Mannes. Man spürt etwas von dem tragischen Verzicht, der wegen seiner Häßlichkeit sein Leben bestimmte, etwas von der Bitterkeit, die aus seinem Satz klingt, den er oft im Leben wiederholte: „Ich möchte auf dieser Erde die Frau sehen, die einen Geliebten hat, der häßlicher ist als ich bin.“

Hier und in wenigen anderen Augenblicken wird trotz mancher biographischen Ungenauigkeit jene Aussage Toulouse-Lautrecs deutlich gemacht, die er als Vierzehnjähriger – unterzeichnet „ein werdender Maler“ – niederschrieb und die für sein ganzes Werk gültig ist: „Ich habe versucht, wahr zu sein und nicht traumhaft zu verfälschen.“ Dem Darsteller José Ferrer aber, der verblüffend genau die Maske traf, gelingt in der Atelierszene, in der er minutenlang allein agiert, wohl eine der ersten schauspielerischen Wiedergaben eines Malers bei der Arbeit. Da der Darsteller zum großen Teil mit hochgebundenen Beinen und Schuhen an den Knien zu fast völliger Bewegungslosigkeit verurteilt ist, die er sinngemäß auch sonst einzuhalten versucht, ist er außerordentlich behindert und fast ohne Emotion. Nur in seinen beredten Augen kann man manchmal etwas erspüren von dem glühenden Vulkan, der in dem Künstler getobt haben muß, und seine Stimme hat etwas von der voix (Tor, die man dem Maler nachrühmte. Ein Kabinettstück schauspielerischer Leistung aber liefert Colette Marchand als Mädchen aus der Gosse, das lange Zeit bei dem Maler im Atelier wohnte.

Es ist besonders bemerkenswert, wie dieser Film die Abenteuer und Tragödien der Nächte im Paris zur Zeit des Gaslichts, des Cancan und der aufblühenden Vergnügungsetablissements in menschlichen Gesichtern und Gestalten spiegelt, etwa in der Goulue, die zuerst als gefeierte Tänzerin in Moulin Rouge erscheint und später dann auf einem nächtlichen Platz, angetrunken, alt, häßlich; ein menschliches Wrack, etwa aus jener Zeit, da Toulouse-Lautrec die Plakate für ihre Schaubude malte. Und wie der Film außerdem mit Delikatesse die Farbe einsetzt, um Menschen und Situationen zu charakterisieren, ist eines Filmes um einen Maler würdig. Nur zweimal zwar blendet er in geschlossener Folge die Zeichnungen und Plakate, die Köpfe der Tänzerinnen, Tänzer, der leichten Mädchen und der Szenen aus dem Moulin Rouge ein, er tut es sogar in zu schnellem Wechsel, gewiß, um ein größeres Filmpublikum nicht zu langweilen – denn jeder Film wird nun mal für Zehntausende gedreht –, aber mit welch vorzüglicher farbiger Wiedergabe geschieht das. Weithin wird hier sichtbar, welch eine künstlerische Kraft dieser Toulouse-Lautrec war, der das Plakat erfand und noch heute – wenn auch leider viel zu wenig – seinen Einfluß auf die Plakatmaler ausübt.

Das Pariser Nachtlokal Moulin Rouge so wurde berichtet, hat gegen den Hersteller und den Hauptdarsteller des Films eine Schadenersatzklage über 18 Millionen D-Mark gerichtet, da dieser Film „mit der pornographischen Tendenz“ gemacht sei, „die den Reiz sexueller Abenteuer glorifiziere“; es sei somit eine Geschäftsschädigung ihres Lokals, das „für die Unterhaltung jenes Teils des französischen Publikums Sorge trägt, der sein Leben in aller Dezentheit zu führen wünscht“. Welch Unsinn! Vielleicht werden spätere Kulturhistoriker diese Anklageschrift gegen einen Film einmal ein Beispiel für die verlogene Schwäche der Jahre um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts sein. Der Film „Moulin Rouge“ indessen läßt lebendig werden, was für Kerls von schäumender Vitalität unsere Großväter um die Jahrhundertwende waren. Neidvoll betrachtet man in den erregenden Bildern das wirbelnde Geschehen in der Hitze der vollgequalmten Moulin Rouge dazwischen immer wieder das große lebensfrohe Gesicht eines lustigen Bürgers jener Zeit. Erika Müller