Auch in der Romanliteratur gibt es eine Duplizität der Fälle. Zu Weihnachten erschien in deutscher Ausgabe (bei Claassen, Hamburg) der Roman des Schweden Eyvind Johnson, der einen historischen Hexenprozeß aus der Zeit Richelieus zum Thema hat: der Stadtpfarrer von London endete auf dem Scheiterhaufen, weil er angeblich Ursuliner-Nonnen mit schändlichen Visionen behext hatte (vgl. unsere Besprechung in Nr. 45 der „Zeit“ v. 6. XI. 1952). Kurz danach erschien in London und New York ein neues Werk von Aldous Huxley, das denselben Stoff behandelt – nicht weniger rigoros als das schwedische Buch, aber mit einer ganz anderen Schlußwendung.

Seit Aldous Huxley in den zwanziger Jahren als jugendlicher Sproß einer berühmten englischen Gelehrtenfamilie mit Büchern wie „Die Parallelen der Liebe“ und „Kontrapunkt des Lebens“ den Typ des analytischen Konversationsromans schuf, hat er einen langen und manchmal gewundenen Weg zurückgelegt. Er hat Utopien geschrieben, (eine davon, „Schöne neue Welt“, ist jetzt der neueste Band der Fischer-Bücherei) und Sittenromane aus Amerika, wo er seit 1939 lebt; er hat seine Leser, die mit seinen Satiren lachen oder wenigstens lächeln wollten, mit der scheinbaren Grausamkeit seines Menschenhasses oft abgeschreckt. Auch sein jüngstes Buch, „The Devils of Loudon“, ist an vielen Stellen abstoßend, und dem Leser wird es nicht leicht, angesichts der Schärfe mancher Schilderung seine Gelassenheit zu bewahren. Denn Huxley unterscheidet fast über deutlich zwischen dem „Weg aufwärts“ und dem „Weg abwärts“. Den wahren Heiligen, den Mystikern und „Erleuchteten“ stellt er die „Besessenen“ gegenüber und alle die Verirrten der Zivilisation, die sich ihren Ausweg aus der Pein des Allzupersönlichen im Alkohol, in Rauschmitteln, in der Sexualität und im „Massenfieber“ suchen.

Dementsprechend sind auch die Heroen seiner Historie angeordnet. Rechts steht die verwirrte, von Dämonen besessene Nonne Jeanne des Anges, die durch ihre eingebildeten – oder vielleicht auch echten – Teufelsvisionen Elend und Qual über sich und ihre Umwelt bringt. Links steht der heilige Jesuitenpater Jean-Joseph Saurin, ein Mensch, der zwar auch eine Zeitlang allen Anfällen unterirdischer Mächte physisch und geistig ausgesetzt ist, dann aber den wahren Weg ins christliche Heil findet. Zwischen beiden: der „durchschnittliche Sinnenmensch“, der Pfarrer von Loudun, Urbain Grandier, das Opfer und der wahre Held der Geschichte. Unsichtbar, aber treibend und beherrschend, lenkt Richelieu die Fäden des Geschehens und schleudert in aller-unchristlichster Rache und Intrige das Schifflein des Pfarrers Grandier in die Flammenkatastrophe des Scheiterhaufens.

Dieser Pfarrer Grandier hat sich in den ersten Jahren, seiner Amtszeit in dem Städtchen Loudun, Departement Vienne, eine ganze Menge Feinde gemacht. Loudun. zählte unter seinen 14 000 Einwohnern damals noch eine starke protestantische Minorität, und dies führte zu einer seelischen Gespanntheit und zu einer besonderen moralischen Wachsamkeit, so daß man einem neuen Pfarrer seine nicht gerade einwandfreie Lebensführung mit gerne nachsah. Die Chance, ihn zu verderben, bietet sich, als die Äbtissin des Ursulinenklosters in Loudun, eine leicht verkrüppelte, religiös genial verklagte Person, sich in ihn verliebt, aber von ihm, der sowieso genug Frauen hat, schließlich abgewiesen wird. Schwester Jeanne erhält dann kurz darauf die ersten Visiten des Teufels; und gleichzeitig mit ihr behaupten auch die sechzehn ihr untergebenen Nonnen, vom Teufel in seinen sieben Hauptgestalten heimgesucht zu sein. Behext aber habe sie der schöne Pfarrer selbst. Das Unheil nimmt seinen Lauf: Ein Schauprozeß beginnt, an dessen Ende der von einem ganz anderen, dem weltlichen „Teufel“ geplante Tod des Angeklagten steht, nach einer unendlichen Reihe falscher Zeugenaussagen, bestochener Sachverständiger und unbeschreiblicher Torturen. Urbain Grandier unterscheidet sich von den passiven Helden anderer und moderner Schal prozesse dadurch, daß er auch unter den ärgsten Qualen der Folter nicht gesteht, was nicht zu gestehen ist. Stolz und groß, ein Märtyrer, schreitet dieser Durchschnittsmensch zum Scheiterhaufen.

Von Mitleid angerührt und von unsäglichem, ja überheblichem Gottesfeuer entzündet, nimmt nun bei Huxley der Jesuitenpater freiwillig die Besessenheit der Nonnen auf sich und befreit sie dadurch wirklich, um selbst zum Opfer zu werden. Sein Weg führt siebzehn Jahre lang durch alle mir erdenklichen Schmerzen der Autosuggestion und der Selbstverdammung: von der physischen Unfähigkeit, zu hören, zu lesen, zu schreiben, ja sein Hemd zu wechseln, über einen Selbstmordversuch bis zu der Überzeugung, geistig verworfen, der Hölle vorbestimmt zu sein. Um so größer ist danr, im hohen Alter, seine Erlösung. Die Güte eines Ordensbruders befreit ihn von physischer Pein und dem Makel des Wahnsinns. Schließlich findet er in einer von Dämonen reinen Natur den Gott wieder, den er verloren geglaubt hat, um dann, als ein Heiliger des kontemplativen Lebens, in die Vollkommenheit einzugehen, in die Schau des HERRN, den vielleicht auch Jeanne des Anges gesucht hat, den Grandier bestimmt in den Flammen fand, der sich aber nirgends so eindringlich anbietet und so fromm leuchtet wie in der erleuchteten Mystik.

Zugegeben, daß Huxley in seinen Schilderungen der Besessenheit manchmal im Kot der Menschen seele und des Menschenleibes schwelgt, wie es nur einer kann, der die Menschen in ihrer Erscheinungsform verwirft. (Nicht ganz mit Unrecht hat sich auf diese Stellen die englische Buchkritik geradezu gestürzt – vielleicht gar nicht so sehr zum Nachteil des Autors, der auf diese Weise manchen Leser neu gewinnen durfte.) Aber mag Huxley auch die Äußerlichkeiten, besonders die psychologisch-sekundären Geschlechtsmerkmale dieser unserer Humanitas hassen – er liebt ihre innere Wesenheit.

Huxley selbst ist gespalten; er selbst ist besessen. Nur kann er sich durch sein Werk auch selbst davon befreien. Niemals verliert er in dem verschlungenen Irrgarten seiner historischen Chronik den roten Faden seines Planes aus den Augen: die heutige Zeit erzieherisch zu ermahnen, daß sie zu wählen habe zwischen der „Selbstentäußerung“ aufwärts und der Flucht abwärts in den Massenrausch, ins Wirtshaus, in die Promiskuität. Niemals auch vergißt er, daß immer und immer wieder die allen Hexenprozessen innewohnende dämonische Kraft der Eigengesetzlichkeit ins Entsetzen hinüber aufgezeigt werden muß, damit wir lernen, uns wie Menschen mit einem freien Willen zu bewähren. Und so hat dieses Buch zwar seine wilden Schrecken und bösen Anstößigkeiten, aber auch eine bildende Macht, da wir daran den wahren Wert der Zivilisation abzulesen vermögen. Die Zivilisation aber besteht darin, „Individuen systematisch die Gelegenheit zu barbarischem Betragen zu entziehen“.