Die Amerikaner waren einmal konservativer als die Europäer

Vor einem halben Jahrhundert herrschte in New York die amerikanische Aristokratie, die großen Familien aus der Kolonialzeit. Während die Großväter leidenschaftliche Revolutionäre gewesen waren, behaupteten die Enkel ihr Republikanertum mit anmaßender Selbstgefälligkeit, betrachteten ihre ererbten Vermögen als angestammtes Recht und sahen in ihren Konventionen und Reminiszenzen den Inhalt ihres Daseins und zugleich die ausschließliche Autorität.

In dieser Welt lebte Edith Wharton (geboren 1862), und in ihr spielen alle ihre bedeutenden, heute schon klassischen Romane. Als ihr Hauptwerk gilt „Age of Innocence“, für das sie 1920 den Pulitzerpreis bekam und das jetzt unter dem Titel „Im Himmel weint man nicht“ von Lotte Katscher und Herbert Brunar ins Deutsche übertragen wurde (Rohrer-Verlag, Wiesbaden, 359 S.).

Zu Beginn der siebziger Jahre ist Newland Archer ein junger Rechtsanwalt von Ende zwanzig und gehört zu den wenigen Bevorzugten der alten New Yorker Herrenschicht. Er fühlt sich den meisten an Bildung und Aufgeschlossenheit überlegen, aber „aus eingefleischtem männlichen Solidaritätsgefühl akzeptiert er ihren Standpunkt in allen Fragen der sogenannten Moral“. Noch kurz vor seiner Verlobung mit May Weiland, einem der begehrenswertesten Mädchen der Gesellschaft, glaubt er seine Zukunft unbeschadet vor sich liegen zu sehen. Er träumt, die künftige Mrs. Newland Archer solle unter seinem anregenden Einfluß „soviel Versiertheit und Esprit entwickeln, daß sie im Kreise der tonangebenden verheirateten Frauen bestehen könnte“. Ja. er träumt sogar, „May solle so weltgewandt und bestrickend sein wie jene verheiratete Frau, die ihn mit ihren Reizen zwei angenehm animierte Jahre hindurch gefesselt hatte“, natürlich ohne den pikant-morbiden Beigeschmack eben dieser Dame.

Aus Europa kommt plötzlich und unerwartet eine Kusine seiner Verlobten. Erzogen in Paris und London und blutjung mit einem polnischen Grafen verheiratet, flieht sie aus dieser Ehe in das Haus der Großmutter, ein Entschluß, den ihr in New York jedermann verübelt. Sie war so lange fort, daß sie sich „wie tot und begraben vorkommt und diese liebe alte Stadt für den Himmel hält“. Die liebe alte Stadt indessen sieht in Ellens Freizügigkeit und ihrem Aufgeschlossensein für alle schönen Dinge des Lebens ein Verbrechen. Eine Scheidung von ihrem Gatten ist undenkbar, wenn sie nicht ihren nur mit äußerster Anstrengung von seiten der gestrengen Familie gewahrten und gleichsam absichtlich in den Brennpunkt gerückten guten Ruf endgültig verlieren will.

Ellen Olenska und Newland Archer begegnen sich nach der offiziellen Verlobung Newlands mit May. Nur wenige Male treffen sie sich, nur in der Gesellschaft, aber die wenigen Worte, die sie miteinander wechseln, lassen sie erkennen, daß sie sich lieben. Seltene Minuten des Alleinseins sind den beiden vergönnt, nur vom Zufall geschenkt. Ellen möchte ihr früheres Leben vergessen, sie möchte werden „wie die Menschen in New York“, ihre weltoffene geistige und persönliche Freiheit der konventionellen Engigkeit und Unduldsamkeit opfern, um, geschützt durch die Bande der Gesellschaft, auch die Verantwortung für sich selbst dieser Gesellschaft zu übertragen.

Newland Archer erkennt ihr Bemühen, zugleich aber wird ihm klar, daß sie für ihn auf jeden Fall unerreichbar ist: gelingt ihr Versuch, sich den Gesetzen der Fifth Avenue zu beugen, muß sie unantastbar bleiben; gibt sie ihr Bestreben nach Unterordnung auf, wird sie zwar vor sich selbst frei sein, nie aber in den Augen der „Kreise“, auf die er angewiesen ist. Fast um vor dem eigenen Gewissen sicher zu sein, beschleunigt er die Hochzeit mit May.