Erlösung, die keine Freiheit brachte –Erlebnisse einer Frau in der Sowjetzone

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„Das einzige, was ich erbitte, ist, daß die Personen-und Ortsnamen geändert werden“, verlangte die Verfasserin unseres Berichtes, „denn alles, was ich schrieb, ist wahr, und Wahrheit ist gefährlich.“ Wir haben lange gezögert, diese Schilderungen einer Frau unseren Lesern vorzulegen, aber angesichts der neuen Flut der Flüchtlinge aus der Sowjetzone und angesichts der Tatsache, daß der verantwortliche Mann eines westdeutschen Rundfunksenders die westdeutsche Hilfsbereitschaft gegenüber den Opfern des Sowjetsystems „selbstmörderische Humanität“ zu nennen wagte, darf man wohl nicht verschweigen, was die Wahrheit ist. Erlebnisse, wie sie hier geschildert werden, haben viele der Flüchtlinge gehabt, die in diesen Wochen nach Westdeutschland kommen. Auch die Verfasserin unseres Berichtes – eine kluge, kultivierte, künstlerisch begabte Frau – blieb zunächst in der Zone, blieb jahrelang und hoffte, es würde sich zum Besseren wenden. Schließlich flüchtete auch sie mit ihrer Familie ...

Der Morgen des 3. Mai 1945 beginnt mit seiner kühlen, wesenlosen Blässe. An diesem Morgen bleibt die Erde einen Atemzug lang stehen. Ich fühle den Ruck und wie sie sich im neuen Rhythmus rollender, fremder Panzer wieder in Bewegung setzt. Ich lausche hinweg über das rinnende Wasser des Flusses, der unseren Garten begrenzt, und höre das ratternde Dröhnen der Motoren drüben auf der Chaussee.

Wann hatte dieses Lauschen begonnen? In den singenden Nächten, singend vom Sausen feindlicher Bomber? Oder erst in den Nächten, die angefüllt waren vom Trappeln tausender Pferdehufe auf der harten Straße? Wochenlang Trecks, Elendszüge aus dem Osten. Hinter jedem rüttelnden Planwagen schon die mageren Pferde des nächsten Fahrzeugs. Hufeklopfen und Räderrollen, bis hinein in unsere unruhigen Träume.

Wie eine riesige Presse hatten uns die Fronten von Ost und West seit Wochen zusammengedrückt. Der enge Raum, der uns blieb, schien losgelöst wie ein dünnes Blatt Papier, das über dem heißen Luftzug eines Feuers schwebt. Würden wir versengen? Verwehen?

Eines Nachts hatten wir aus dem verdunkelten Wohnzimmer weiße Lichter an der nordwestlichen Himmelswand erblickt. Die Amerikaner! Dies mußten die Amerikaner sein, Gott sei Dank –. Die Amerikaner also, nicht die Russen! Ewig bange Frage der letzten Wochen. Noch war die Zeit ein Stück weiter gegangen, schwer, Stunde auf Stunde, wie in der Bangigkeit einer nahen Geburt. Und dann der Ruck. Einen Atemzug lang blieb die Erde stehen an diesem Morgen des 3. Mai.