Um Geld zu verdienen, war Gottfried Keller Staatsschreiber, und da er’s lange genug war, ergibt die Anzahl der poesielosen Amtsschriftstücke, die er abfaßte, zusammen vielleicht mehr als die Bände des „Grünen Heinrich“. Aber im Reich der Dichtung hat die Kategorie der Quantität bis heute noch keinen Einzug gehalten, obwohl es jetzt schon Antiquariate geben soll, in denen Bücher pfundweise berechnet werden: – immer noch besteht gegen den, der sehr viel komponiert, malt oder schreibt, der Verdacht: er macht’s nicht künstlerisch.

Günter Eich, dieser Tage mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden für sein Hörspiel „Die Andre und Ich“ ausgezeichnet, ist der Vorwurf des „Zuviel-Schreibens“ in den letzten Jahren oft gemacht worden. Freilich hat er seit Kriegsende eine stattliche Reihe von Hörspielen geschrieben, beginnend mit „Geh‘ nicht nach El Kuwehd“ und mit „Sabeth oder die Gäste im schwarzen Rock“, aufsehenerregend mit den „Träumen“ (dieses Spiel, das temperamentvolle Hörer noch während der Sendung abgestellt wissen wollten –: wohlverstanden, abgestellt nicht durch einen Druck auf den Knopf ihres Radiogerätes, sondern durch die Sendeleitung: sie wollten, daß auch kein anderer diese Apologie der Angst mehr weiter hören sollte). „Die Andre und Ich“ gehört zu einer der letzten Arbeiten. Und schon wieder kündigt der Funk etwas Neues von ihm an: „Die Mädchen aus Viterbo“.

Zuviel –? Günter Eich hat sich von Arbeit zu Arbeit gesteigert. Aus dem vibrierenden, nervösen Abklopfen der Möglichkeiten, die der Rundfunk der Poesie bietet, ist inzwischen bei Eich eine Form geworden, die vielleicht einmal „klassisch“ für den Dichter werden kann, der im Rundfunk zu Worte kommen will. Das reine Wort erhebt sich aus einem knappen, aber nicht harten Dialog, in seiner Sinnbedeutung völlig identisch mit sich selbst, kristallenklar, dabei dramatisch und lyrisch zugleich. Mit kleinen Mitteln erzielt der Dichter große Effekte. In seinem preisgekrönten Hörspiel gibt es eine Szene, in der reiche amerikanische Touristen in ein häßliches, von Sümpfen umgebenes italienisches Fischerdorf kommen, der Himmel darüber ist dunkelgrau. Während sich die Insassen des Wagens über die Öde dieses Nestes unterhalten, sagt plötzlich der kleine Sohn der Familie: „Aber die Möwen sind hier so weiß wie anderswo ...“ Auch hier also ist Weil. Auch hier spielen sich Liebe und Tod ab, Glück und Unglück, Menschliches und Unmenschliches ... Wie viele Sätze hätte ein mittelmäßiger Autor gebraucht, um sein Fischerdorf lebens- und „literaturfähig“ zu machen!

Zuviel also hat der heute 46jährige, der übrigens schon 1929 mit dem Hörspielschreiben begann und der vor dem Hörspielpreis schon 1951 mit dem Literaturpreis der Bayerischen Akademie ausgezeichnet wurde, nicht geschrieben. Aber vielleicht hätte er anderes geschrieben als Hörspiele, hätte ihm die Rundfunkarbeit mehr Zeit gelassen: nämlich Gedichte! Im Jahre 1948 legte er einen schmalen Band vor: „Abgelegene Gehöfte“. Dies freilich ist das Schönste und Beste, was Günter Eich bis heute veröffentlicht hat.

Das Erlebnis des Krieges mit seinem bitteren Ende, mit Internierungslagern, Hunger, Durst, Dreck, Vernichtung aller inneren und äußeren Werte, die Substanz der Niederlage des Menschen ist hier in direkten und doch so zarten Versen eingefangen. Bei den Gedichten über das Internierungspager „Gefangene bei Nacht“ oder „Latrine“ oder „Camp 16“ denkt man unwillkürlich an den Ausspruch Heraklits, der, als ihn Verehrer nicht beim Philosophieren, sondern zu ihrem Erstaunen bei einer so profanen Tätigkeit wie der des Brotbackens erblickten, die Überraschten mit den Worten ermunterte, einzutreten: „Auch hier gibt es Götter.“

Der deutsche Leser ist trotz dieser Aufforderung, die auch aus Eichs Zeilen, bezogen auf unsere Niederlage und Schuld, spricht, nicht eingetreten: noch nicht 50 Exemplare dieses Bandes sind verkauft worden.

Sechs Jahre war Eich Soldat, vorher hatte der 1907 in Lebus Geborene als freier Schriftsteller in Berlin, Dresden und in einem Dorf an der pommerschen Ostseeküste gelebt. Davor hatte er Volkswirtschaft und Sinologie, studiert. Mit dem Chinesischen beschäftigt er sich noch heute: in seiner Freizeit liest und übersetzt er aus dieser Sprache.