„Ich Kapitan“, sagt er rauh und tippt auf die dicken, goldenen Achselstücke seines hochschultrigen Uniformmantels. Es ist nicht zu glauben, daß dies ein Offizier sein soll. – Er nimmt mir das Kind vom Arm, drückt es an sich und küßt es schmatzend auf den Mund. „Wie heißt Kind? Oh, nur Kind gutt. Alle anderen schlecht, blochoi, Gitler, Gimmler, Göbbels, Göring gowno, alle gowno.“

Dann greift er nach unseren Handgelenken: „Uhr?“ Ich gebe ihm ein eigens für diesen Fall zurechtgelegtes, altes, silbernes Ding, an dem er sofort, den breiten Buckel gegen das Fensterkreuz gelehnt, mit einer Nagelschere herumpolkt wie ein großer Orang-Utang. Über meine Angst wächst eine dünne Haut von Lachen bei dem Anblick.

Mit einer Handbewegung über alle Zimmer brummt er: „Quartier machen für Nacht, dreißig Mann.“

Und dann, als hätten sie sich durch die Wände wie durch poröse Teigmasse einfach hindurchgedrückt, ist das ganze Haus plötzlich voller Russen. Jeder stürzt erst einmal zum Radio und dreht daran, zum Telefon und brüllt hinein, obgleich alle Strippen, vom ersten schon herausgerissen, sichtbar herunterbaumeln. Aber auch der erste hatte nach dieser Bravourtat noch weiter ins Telefon geschrien.

Eine fleckige Schirmmütze schiebt sich durch die Haustür; dahinter erscheint der grinsende Kopf eines jungen Russen, mit schiefsitzendem Käppi bedeckt. Dieser Zivilist ist Nicolai, der Zwangsarbeiter aus unserer Fabriktischlerei. Mein Herz hatte sich bei seinem Anblick immer zusammengezogen, wenn ich ihn da, über seinen Werktisch gebeugt, hocken sah, hustend und lungenleidend, Mit verlegenem Lächeln gibt mir Nicolai eine Visitenkarte, auf der mit Thomas’ Schriftzügen steht: „Liebe Haide, bitte, gib dem netten Offizier zwei Flaschen Wein.“

,Netter Offizier!‘ und: ‚Zwei Flaschen Wein!‘ Oh, mein ahnungsloser Thomas.

Die Hölle bricht los, als ich mit den zwei Flaschen unter dem Arm wieder die Kellertreppe heraufkomme. „Frau, Schnaps, Frau, hol mehr Schnaps!“ Sie drängen, zerren und stoßen mich. Und auch weitere Flaschen, die ich holen muß, sind im Handumdrehen leer und fliegen wie Handgranaten im Zimmer herum. Der ‚nette Offizier‘, ein pockennarbiger Sergeant, beginnt grinsend die Mädchen zu bedrängen. Er nimmt mir Philipp fort, drückt das Kind an sich, küßt und kitzelt es; wie eine leblose Puppe hängt Philipp auf seinem Arm, mit starren Augen.