Ich weiß, daß die Kastanie einiges kann. Was bei den leichtblütigen Zweigen der Kirsche begreiflich ist, erscheint bei den so mastig schwerblütigen, der Kastanie, ungewöhnlich: Wenn wir im Winter einen Zweig vom Baume schneiden, ins Wasser und warme Zimmer stellen, gibt er sich gern der Täuschung hin, der Frühling rühre schon an die harzverpichten Blätter der Knospen. Nach wenigen Tagen öffnen sie sich, und ein anmutiges Gebilde strebt langsam aus der Hülle, wächst, nimmt Formen berückender Genauigkeit an und Farben von einer zarten, schmelzhaft sinnlichen Jungfräulichkeit. Haben wir dazu einen Zweig der rotblühenden erwischt, sehen wir bald ein Kunstwerk, wie aus einem Porzellan,das von hauchhaftrosa Blut durchpulst ist. In diesem Zustand gedeiht das Gebilde auf einen Höhepunkt, doch weigert es sich, eine wirklich weiße oder rote Blüte zu werden. Langsam dorrt es.

Nun hat man mir die Geschichte der Kastanienbäume in der Parkallee zu Hamburg erzählt, die nach den Bombenabwürfen im Juni 1943 den Feuersturm zwischen den beiden Häuserreihen durchzustehen hatten. Sie sind erst nicht, wie die Menschen, gestorben. Wohl verdorrten die Blätter und die dem Reifen nahen Früchte. Aber in einem törichten Drang nach neuem Blühen und Wachstum haben die Kastanienbäume sich unter dem Eindrang der gewaltsamen Hitze beschwatzen lassen. Sie glaubten, die Glut risse sie in eine neue Wachstumperiode, und sie haben zum zweitenmal in demselben halben Jahre die weißen und roten Kerzen ausgetrieben, um neue Früchte zu bekommen.

Aber ein Teufel hatte sie besprungen. Als sie ausgeblüht, waren sie auch ausgeblutet, und im Frühjahr stellte sich heraus, daß die meisten Kastanienbäume in der Parkallee tot waren.

Norbert Jacques