Nach der Internationalen Frühjahrsmesse von Frankfurt, der Offenbacher Lederwarenmesse und dem ersten Teil der Internationalen Frühjahrsmesse in Köln liegt nun auch die Mustermesse der Deutschen Industrie-Messe Hannover hinter uns, der vom 26. April bis zum 5. Mai dann die Technische Messe folgen wird. Die Feststellung, daß das Barometer aller Frühjahrsmessen betont unter dem harten Vorzeichen eines verstärkten Käufermarktes gestanden hat, läßt die Frage nach dem Ende oder der Weiterentwicklung des Messekriege erneut zum Gesprächsmittelpunkt der westdeutschen und Westberliner Wirtschaft werden. Wie ist die augenblickliche Situation des seit 1949 mehr oder weniger schroff geführten Messekrieges und welche Aussichten bestehen, ihn im Interesse unserer Exportbemühungen recht bald einzustellen?

Die Leitung der Deutschen Messe- und Ausstellungs-AG Hannover hat zu der Frage des Wettbewerbs der deutschen Großmessen eine sehr vernünftige und sinnvolle Einstellung: man hält betont jede Äußerung zurück und legt dafür das Schwergewicht des eigenen Tuns auf das Schaffen erstklassiger Ausstellungsvoraussetzungen Und die Begründung dieser Haltung? – Messepolitik sei nicht Aufgabe der Messegesellschaft, das sei allein eine Angelegenheit der Wirtschaft. In Hannover-Laatzen sieht man also seine Hauptaufgabe darin, sich auf eine Funktion als Mittler zwischen Aussteller und Käufer zu beschränken und hierin eine vorbildliche Dienstleistung zu bieten. Man darf überzeugt sein, daß diese Feststellung, die Niedersachsens Finanzminister Kubel als AR-Vorsitzender der Messe-AG anläßlich der Eröffnung der Mustermesse erneut vor der westdeutschen Presse traf, kein bloßes Lippenbekenntnis ist.

Was man statt des Redens an Leistungen erreicht hat, konnte Prof. Dr. K. E. Mössner mit berechtigtem Stolz vorweisen: Die Deutsche Messe- und Ausstellungs-AG verfügt mit dem Beginn der Mustermesse über eine überdachte Hallenfläche von 135 000 qm, zu der anläßlich der Technischen Messe noch 35 000 qm Leichtbauhallen hinzukommen. Damit steht Hannover – selbst vor Mailand – im Reihen der in der „Union des Foires Internationales“ vereinten 26 Messen eindeutig an der Spitze. Das ist ein Faktum, das für Hannover spricht und für die Stadt an der Leine im Wettbewerb der westdeutschen Messen ein großes Plus darstellt. Das zweite Plus für Hannover bedeuten – die zweifellos dauerhaften Verbindungen, die man zu acht exportintensiven Messen güter-Gruppen schaffen konnte. Darin kommt bereits mit aller Deutlichkeit die Richtung zum Ausdruck, die Hannover gewählt hat: die Deutsche Industriemesse will exportbetont sein. Diese Zielentspricht ohne Frage dem Wunsch jener Industriegruppen Westdeutschlands und Westberlins, die sich eindeutig für die Mustermesse und die Technische Messe in Hannover entschieden haben.

Dadurch erhielt Hannover die starke Position, die es der Messe-AG ermöglicht, zu dem aus Frankfurt kommenden Ruf nach einer „Deutschen Messe“ mit einheitlichen Terminen für Köln, Frankfurt und Hannover eine abwartende Stellung einzunehmen. Hannover hat für diese Haltung seine guten Gründe, die auch in der Wirtschaft anerkannt werden. Und auf die ausstellende und am Export interessierte Wirtschaft kommt es doch in der Hauptsache an. Die Entscheidung, welcher Messe die deutsche Wirtschaft den Vorzug gibt, sollte man in der Tat getrost der Wirtschaft selbst überlassen. Sie dürfte am besten wissen, auf welchem Messeplatz ihre Chancen liegen. Daran wird auch der Referentenentwurf des Bundeswirtschaftsministeriums nichts ändern, zumal sich die Situation in der langen Zwischenzeit gründlich geändert hat.

Vielleicht aber liegt die Lösung dieser strittigen Fragen näher als es heute noch den Anschein hat. Hannover hält es durchaus für möglich, daß die Wirtschaft eines Tages selbst den Wunsch hat, die bisherige Mustermesse mit der Technischen Messe zu vereinen. Unsere Elektroindustrie hat diesen Schritt bereits getan und stellt ihr Sortiment ausschließlich auf der Technischen Messe aus. Marktforscher stellen augenblicklich die erforderlichen Untersuchungen für die einzelnen Branchen an. Dann könnte es durchaus sein, daß Splittergruppen, die nicht ausgesprochen exportorientiert sind, diesen künftigen Termin der Messe in Hannover nicht mehr akzeptieren und abwandern würden. Auf jeden Fall wird diese Lösung aber einen weiteren Ausbau des Messegeländes in Laatzen notwendig machen, das heute noch nicht umfangreich genug ist, um die Technische Messe und die Mustermesse aufzunehmen. Es war nicht einmal möglich, zur Technischen Messe der eisenschaffenden Industrie die notwendige Ausstellungsfläche zur Verfügung zu stellen.

Fehlinvestitionen sind bisher weder in Hannover, noch in Frankfurt oder in Köln erfolgt. Darum verwahrt man sich in Hannover auch mit aller Entschiedenheit gegen eine behördliche Messeregelung. Dieses Recht spricht man ausschließlich der Wirtschaft selbst zu und kann ohne Zweifel damit das Prädikat einer fairen Haltung für sich in Anspruch nehmen.