Schon voriges Jahr hat Walter v. Molo (beim Berliner Schriftsteller-Kongreß) von der Bundesregierung gefordert, sie solle gesetzliche Schritte gegen die materielle Not des Schriftstellerstandes tun, und sowohl Professor Heuß wie Dr. Adenauer haben damals zugesagt, diese Frage im Auge zu behalten. Nun meldet sich Molo abermals zum Wort. In einem kleinen Sonderdruck des Deutschen ’Autoren-Verbandes e. V. Hannover tadelt er die Bonner Stellen, daß sie noch nichts unternommen haben, und schlägt vor, man möge ein Gesetz erlassen, das eine Abgabe auf alle urheberrechtlich freien Werke vorsieht und aus den Erträgen dieser Abgabe eine Pensionskasse für Schriftsteller über fünfundsechzig Jahre stiftet. Ferner solle für alle Schriftsteller die Umsatzsteuer wegfallen.

Diese Vorschläge sind erwägenswert. Die Umsatzsteuer für freiberuflich tätige Künstler (nicht nur Schriftsteller!) ist eine Ungerechtigkeit, weil der Künstler diese Steuer nicht auf seine Partner abwälzen kann, wie der Kaufmann, der Arzt oder der Anwalt. Er hat eben keinen „Umsatz“, und die sogenannte Steuer ist für ihn nichts als ein ihn diskriminierender Zuschlag zur Einkommensteuer, ein Verstoß gegen den Grundsatz der Gleichheit vor dem Gesetz. – Die Abgabe von den honorarfreien Werken, für die der Name „Kulturpfennig“ gefunden wurde, liegt in Frankreich bereits dem Parlament vor. Sie sollte auch bei uns einmal aus dem Stadium der Vorerwägungen herauskommen. Was aber die Frage der gesetzlichen Alterspension für Schriftsteller (nur für Schriftsteller?) betrifft, so sieht Walter v. Molo selbst die Schwierigkeiten: Es gibt manchen Autor, der die Altersgrenze längst überschritten hat und doch über stattliche Einnahmen aus seiner früheren und seiner jetzigen Produktion verfügt. Molo möchte daher, daß der Pensionsanspruch in solchen Fällen ruht und nur bei denjenigen Autoren erfüllt wird, deren Einkommen für eine würdige Lebensführung nicht ausreicht. Er sieht auch die Gefahr, daß „da jeder kommen könnte“, und meint darum, eine Art Jury solle eine „Liste der wirklichen Schriftsteller von Wert“ aufstellen, die ein Recht auf Pension haben.

Damit ist er aber hart an der Grenze angelangt, wo die Figur des Schriftsteller-Funktionärs und das Gerippe der Reichsschrifttumskammer sichtbar wird. Dem Beamten, wenn er fünfundsechzig wird, zahlt der deutsche Staat nicht nur ein Ruhegehalt, er verbietet ihm auch, länger im Amt zu sein. Der Schriftsteller kann – wenn er kann – bis ins höchste Alter in seinem Amt bleiben. Aus welchem Grunde sollten also Künstler dem Beamtenrecht unterstellt werden? Und dazu gar Künstler in einem numerus clausus! Welche Gewähr wäre dann wohl gegeben, daß jene Jury die „wirklichen Schriftsteller von Wert“ herausfindet? Hätten Nietzsche und Kafka ihre Aufnahme in die Liste erreicht?

Mehr und mehr wird der Künstler heute zu einem „Doppelleben“ genötigt, und trotz Rundfunk wird auch bei den Schriftstellern der Prozentsatz derer immer kleiner, die nur „von ihrer Feder“ zu leben vermögen. Ob diese Einschrumpfung des Schriftstellerstandes (bei ständig wachsender Zahl derer, die Schriftstellern) dem literarischen Leben förderlich oder hinderlich sein wird, muß sich zeigen. Wer aber das Risiko des „freien“ Schriftstellerberufes auf sich genommen hat, sollte nicht auch noch mit sehnsüchtigem Auge auf die Ruhestandsbeamten blicken. Ihm lag daran, in der Verfügung über seine Arbeitszeit frei zu sein – und jede Freiheit fordert materielle Opfer. cel.