In unseren Betrachtungen zum siebzigsten Geburtstag von Karl Jaspers („Die Zeit“ Nr. 7) war davon die Rede, daß Philosophie sich ständig ihres „Auftrags“ erinnern müsse und versage, wenn sie sich in „Wissenschaftlichkeit“ zurückziehe. Bei Abfassung jener Zeilen lag uns ein Werk noch nicht vor, in dem wir nun das Schicksal der modernen Philosophie unter dieselbe Frage – Auftrag vom Menschen für den Menschen oder reine Wissenschaft? – gestellt finden:

Hinrich Knittermeyer: Die Philosophie der Existenz von der Renaissance bis zur Gegenwart (Band 29 der Sammlung „Die Universität“. Humboldt-Verlag, Wien-Stuttgart, 504 Seiten, 13,50 DM).

Die Schwierigkeit, Tendenzen der Philosophie so darzustellen, daß derjenige, der die Schriften der Philosophen nicht selbst kennt, dennoch gründlich orientiert wird, ist hier sozusagen frontal angepackt und gemeistert – nicht durch einleitendes Popularisieren und Simplifizieren, sondern durch Herausheben der inneren Unruhe und Bewegung des modernen europäischen Denkens im ganzen. Die Verwissenschaftlichung der Philosophie wird bei Knittermeyer als totes Geleise, die heutige Philosophie der Existenz als neue Legitimierung philosophischen Fragens aus alter Erfahrung erkennbar. Mit großartiger Gelassenheit und souveräner Anteilnahme, dabei in stolzer Bescheidung auf das Amt des Interpreten, spricht der Bremer Philosoph die Antriebe durch, die vom Humanismus Petrarcas aus die Renaissance durchwirken, dann seit Descartes allmählich untertauchen in die Résistance gegen den Rationalismus (Vico, Hamann, Jacobi, Maine de Biran), in Kierkegaard und Nietzsche die tiefste Verborgenheit erreichen, mit Dilthey, Husserl und Bergson die Universitäten zurückerobern und heute mit Heidegger, Jaspers, Sartre und Marcel wieder zu dominieren beginnen: die Antriebe der „Existenz“ als der Verlassenheit jedes Menschen, der seinen Ort zu finden aufgebrochen ist.

Einen abgekürzten, einen „Königsweg“ in den Stand des philosophischen Fragens gibt es nicht. Wer an die Probleme heranwill, muß sich schon auf sie einlassen. Am besten an der Hand eines umsichtigen Führers:

Ludwig Landgrebe: Philosophie der Gegenwart (Athenäum-Verlag, Bonn, 187 S., 7,50 DM).

Mensch, Welt, Natur, Geschichte, Kunst, Handeln und schließlich Sein – das sind die Problemgruppen, an denen Landgrebe die Bewegung des Fragens seit Dilthey abschreitet. Der Kieler Philosoph spricht nicht die Autoren der Reihe nach durch, sondern stellt sie jeweils in den Bezirk der Hauptthemen. Der Leser wird dadurch unnachsichtlich zum Mitdenken geleitet.

Daß Philosophen heute selbst dann, wenn sie bei Kongressen unter sich sind, auf die Lebensfragen der Zeit eingehen, zeigt ein Dokument, das so noch vor dreißig Jahren nicht denkbar gewesen wäre: