Ein altes Thema wird aktuell in Serge Groussards Roman „Schreckensnacht“ (aus dem Französischen von Wilhelm Lüsberg, Brüder Auer Verlag, Bonn): das Thema Judenpogrom. Eine Episode aus dem „Heiligen Krieg“ der Araber, der nächtliche Einbruch der Moslems in das Ghetto einer tripolitanischen Stadt. Groussard erzählt nur die Geschehnisse, die sich innerhalb weniger Stunden abspielen, und gibt keine Biographie seiner „Helden“, die weder tapfer noch sonstwie besonders auffällig sind. Dennoch ist dieses Buch ein Roman im weiten Sinne – der Roman eines gequälten, verfolgten Volkes, dessen Geschichte sich – ohne daß es jemals in aller Ausdrücklichkeit gesagt würde – in den fünf Stunden widerspiegelt die der jüdische Händler Nataf mit seiner kleinen Familie benötigt, um endlich von dem Schmerz seiner Wunden durch den Tod erlöst zu werden. Er stirbt, seine Frau Sarah und sein Sohn Laban werden gemordet, aber seine Tochter Agar lebt – sie wird die Tradition der Juden fortführen; mit allen Eigenschaften ihrer Rasse wird sie versuchen, sich die paar Dinge zusammenzugeizen und zusammenzuscharren, die sie für ihr armseliges Leben gebraucht, bis – ja, bis dann neue Pogrome auch sie hinwegfegen werden. Vielleicht wird es dann ihrer Tochter, die sie dann haben wird, gelingen, am Leben zu bleiben, und dann deren Söhne und Enkel. Alle werden verachtet und verfolgt sein, alle werden gehaßt und viele getötet werden, aber das Volk Israel wird nicht sterben. Es wird fortfahren, auf den Messias zu warten und das Unrecht zu dulden ...

Serge Hariton Groussard, 1921 in Niort geboren, eines von fünf Kindern des ehemaligen Leiters von St. Cyr und einer russischen Jüdin, wurde 1941 wegen Betätigung in der französischen Widerstandsbewegung zu 25 Jahren Festung verurteilt. Daß er Schreckliches erlebte, daß er den Schmerz der Folter und seelische Torturen kennt, spürt man in der Offenheit seines Buches – aber dabei ist er von einer eisernen Disziplin des Schreibens. Seine Erzählung, die mit geradezu klassischer Prägnanz aufgebaut ist, ist eine entsetzliche Reise in das Grauen – aber da sie auch ein Bild der Wahrheit ist, darf man nicht feige sein und sollte sie lesen. Wilhelm G. Dittmer