Von Hans Bastian

Über eine abseitige Chaussee rattert täglich ein Omnibus von Langenhagen bei Hannover nach Sandbostel, einem Durchgangslager für männliche Jugendliche irgendwo in der Einsamkeit zwischen Weser und Elbe. Die Passagiere sind Flüchtlinge, die soeben auf dem Flug von Berlin nach Hannover zum erstenmal einem Hauch von Internationalität begegnet sind. Pan American Airways, British European Airways Stewardessen bemühten sich mit Sandwiches. Unter ihnen lag die Welt.

Jetzt biegt der schwere Wagen von der Chaussee ab, rollt in den aufgeweichten, glitschigen Spuren eines morastigen Fahrweges aus und hält vor einem Schlagbaum. Baracken erstrecken sich in der Abenddämmerung. Aus der „Wachstube“ an der Barriere kommt ein Junge im Trainingsanzug heraus, stemmt sich auf das schwere Pendelgewicht des Schlagbaumes, der sich langsam aufrichtet...

Im Lager gibt es ein Arbeitsamt. Vor der Tür, die zu einem mittelgroßen Barackenraum führt, steht immer eine lange Schlange junger Leute. Sie sind meist gut gekleidet, denn ehe sie flohen, zogen sie den besten Anzug an. Auch kerngesund sehen sie fast alle aus. Äußerlich kein Bild des Elends. – Hinter der Tür sitzt der Vertreter des Arbeitsamtes.

„Der Nächste“, dringt es von drinnen heraus. Der Nächste geht hinein, nimmt unbeholfen so etwas wie Haltung an. „Setz dich, Junge“, sagt der Mann vom Arbeitsamt. Und dann beginnt das Fragen: Wie heißt du, wie alt bist du, was hast du gelernt, was möchtest du werden ... Das, was die Jungen gelernt zu haben behaupten, müssen sie beweisen. Arbeitsbücher (die es in der Sowjetzone noch gibt) sind hier die wichtigsten Dokumente.

Der Junge hat Schweißen gelernt, bevor er zur Volkspolizei kam, Autogenschweißen. Er möchte aber Elektroschweißer werden. Er sagt es zögernd, bittend. „E-Schweißer werden gesucht, mein Junge“, kommt die Antwort, „aber natürlich nur fertige Könner mit Praxis. Ich kann dich nicht einfach losschicken. Du bist erst siebzehn, du kannst nur dort hin, wo auch ein Jugendheim ist, oder wo die Firma für deine Unterbringung und Fürsorge einsteht.“

Dies ist das Hauptproblem: Die Unterkünfte fehlen, die Wohnungen. Arbeitsplätze zu finden, ist nicht so schwer, sofern diese Jungen eine Fachausbildung hinter sich haben. Die Fachausbildung in der Sowjetzone ist nicht schlechter als im Westen. Die Zeugnisse sehen allerdings etwas anders aus. „Fachkunde: 1, Gegenwartskunde: 4, Gesamtleistung: knapp genügend.“ Gegenwartskunde ist hier ein anderer Name für politische Zuverlässigkeit im Sinne der SED ...