Das abenteuerliche Leben des Miguel de Cervantes – Eine spanische Biographie

Miguel de Cervantes gehört zu jener merkwürdigen Art von schöpferischen Menschen, deren Namen unter den glänzendsten im Buche der Geistesgeschichte verzeichnet stehen, während dieselben Namen ohne jeden Nachhall verweht wären, wenn ihre Träger ein einziges bestimmtes Werk nicht geschaffen hätten. Sie haben ihr Leben lang gedichtet, gemalt, gemeißelt oder was auch immer, allein die ganze Masse dieser Lebensarbeit war nicht dazu angetan, Ruhm zu begründen. Irgendwann einmal indessen, vielleicht in der Mitte, vielleicht auch erst am Ende der Lebensjahre, gelang diesen Menschen etwas, was die Welt aufmerken ließ, was mit einem Schlage dem Namen des Urhebers weithin hörbaren Klang verlieh und was dann die späteren Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte überdauerte. Zumeist war es so, daß der betreffende Mensch mit gerade dieser Arbeit durchaus nichts Besonderes im Sinne hatte und daß ihm selbst unerklärlich blieb, warum eben dieses Werk ein solches Aufsehen erregte.

Es bleibt den anderen, den Unbeteiligten wohl vorbehalten, aus dem Abstand kühler Objektivität die tieferen Ursachen derartiger „Zufälle“ in den Blick zu fassen. Sie werden dann finden, daß in einem derartigen Werke einmal so stark wie weder je vorher noch nachher die eigentliche menschliche Idee des Autors, die besondere Erscheinungsform seines Wesens in die künstlerische Gestalt drängte, und daß dies in einem Augenblick geschah, in dem das individuelle Bekenntnis zugleich historische Aktualität hatte, aber eine gewissermaßen von diesem Augenblick an unvergängliche Aktualität. So hat es sich verhalten mit dem „Don Quixote“ des Cervantes, der seit seiner Entstehung zu jenen „ewigen“ Dichtungen zählt, in denen „der Mensch“ schlechthin sich immer wieder neu und anders spiegeln kann.

Das Leben des Dichters Cervantes kann in mehrfacher Hinsicht für seine Zeit stehen. Es wiederholte in seinem Verlauf en miniature das Charakterbild der Epoche: abenteuerlich schwankend zwischen einer versinkenden und einer aufsteigenden Welt. Wie sehr Cervantes noch ein überlebender Exponent jener religiös bedingten Ritterlichkeit war, die zum mindesten als Ideal die frühere Lebenshaltung bestimmt hatte, während das aufsteigende Zeitalter mehr und mehr, von der phosphoreszierenden Leuchtkraft des Zweifels geleitet, dem meinen Utilitätsgedanken anheimfallen sollte – wie sehr Cervantes in dieser Weltlage auf Seiten der Vergangenheit stand, das gibt eine neue Beschreibung seines mühseligen Erdenwallens geradezu quälend zu erkennen (Sebastian Juan Arbo: „Das große Lebensabenteuer des Miguel de Cervantes“; Paul List Verlag, München, 342 S., L. 13,80 DM). Wurde er nicht, nachdem er als Mitkämpfer bei Lepanto zum Krüppel geworden war, immer wieder ein Opfer seines unverbesserlichen Idealismus’? Schien es nicht sein unheimlich logisch durchinszeniertes Schicksal, fortgesetzt in seinem Glauben an Anstand, Verpflichtung, Dankbarkeit der andern (da er selbst diese Tugenden in hohem Maße besaß) genarrt zu werden? Und hat ihn dieser Weg der grundsätzlichen Enttäuschungen nicht mit zwingender Notwendigkeit an das Abenteuer, an die Unzuverlässigkeit des Daseins so gewöhnt, daß er sie nicht mehr entbehren konnte, obwohl er sich insgeheim nach Ruhe und Ordnung sehnte? Immer und immer war er der Geprellte: niemand belohnte den Veteranen des Türkenkrieges; niemand hätte ihn aus der algerischen Sklaverei losgekauft, wenn dies nicht nach fünf Jahren den äußersten Anstrengungen seiner engsten Familie gelungen wäre; niemand hatte nach der Heimkehr ein würdiges Amt für ihn; niemand wollte ihn für einen bemerkenswerten Dichter halten. In der kümmerlichen Funktion des Steuereintreibers – kümmerlich für den Ehrenmann – mußte er sich noch beschuldigen, fälschlich verklagen, verhaften, einsperren lassen, und nicht bloß einmal. Was für ein Leben! – bis plötzlich auf den von seinem illustren Dichterkollegen Lope de Vega ziemlich offen Mißachteten das grelle Licht des Ruhmes fällt. Aber auch den Ruhm versucht man ihm noch zu stehlen: ein Unbekannter schreibt einen falschen „zweiten Teil“ des „Don Quixote“. Also muß Cervantes, müde, wie er trotz der späten Anerkennung ist, sich noch einmal hinsetzen und selbst einen echten zweiten Teil schreiben, der eine ungeahnte Krönung wird. Dann wird es abermals und endgültig still um den Einsamen, der übrigens auch im Privatesten ein Verlassener blieb, auch in der seltsam sinnlosen Ehe, in die er gestolpert war.

Der Ruhm des Cervantes ist der Ruhm „Don Quixotes“, des stets von den Wahnbildern seines Idealismus gefoppten, wahrhaft edelsinnigen Ritters alter Schule, den die Narren für eine närrische Figur halten. Man darf über ihn lächeln, aber nicht lachen. Seine tollsten Possen sind immer noch Zeichen eines menschlichen Adels, den nur die allgemeine Entwicklung gegenstandslos werden ließ. Das ist sein? Tragik. Das ist auch die traurige Quintessenz dieses Dichterlebens, das so abseitig, so völlig verloren dahindunkelte vor der flammenden Kulisse eines gewaltig gärenden Jahrhunderts. Ein Bild, das mit scharfen Linien und saftigen Farben vor den Blick des Lesers zu bannen dem spanischen Biographen aufs eindrucksvollste geglückt ist. Walter Abendroth