Es ist offenbar ein widerspruchsvolles Gewerbe, Angestellter einer Rundfunkanstalt im Bundesgebiet zu sein. Während der Kommentator des bayerischen Rundfunks von seinem Intendanten mit geradezu selbstmörderischer Humanität für Äußerungen gedeckt wird, die in keiner Weise zu verteidigen sind, werden in Stuttgart drei leitende Angestellte wegen Äußerungen auf die Straße gesetzt, die nicht aus ihrem Munde, sondern aus dem des Vizepräsidenten des Bundestages gekommen sind. Allerdings waren die Münchener Äußerungen gegen den Flüchtlingsstrom aus der Sowjetzone gerichtet, während die Stuttgarter Donnerworte die Person des dortigen Intendanten antasteten. Das ist immerhin ein Unterschied.

Die Frage ist, ob in Stuttgart geplaudert oder geschimpft wurde. Im dortigen Funkhaus wurde „Ein Abend bei Carlo Schmid“ aufgenommen, eine Plauderei vom Hundertsten ins Tausendste, deren Mittelpunkt der wortgewaltige Vizepräsident, Sozialdemokrat, Gelehrte und Humanist bildete. Um die Gefahr eines Monologs zu vermeiden, wurde Friedrich Sieburg zugezogen, der indessen an der nachfolgenden Affäre nicht beteiligt und im Zusammenhang mit ihr auch nicht kritisiert worden ist. Außerdem saßen drei Angestellte des Süddeutschen Rundfunks um den runden Tisch, Frau Miller und die Herren Fischer und Schneider. Nach Beendigung, der Aufnahme scheint die Trennung schwer gewesen zu sein, Professor Carlo Schmid war im Zuge und hat dabei lebhafte Kritik an der Person des Intendanten Eberhard geübt. Dabei scheint das Tonband weitergelaufen zu sein, auch ein Stenogramm, so heißt es, ist angefertigt worden. Von Ausschluß der Öffentlichkeit konnte also keine Rede sein, aber wo ist diese in unserem Zeitalter der polizeilichen Perfektion je wirklich abwesend! Der Intendant, der unter den Leuten in seinem Haus offenbar auch einige Freunde hat, erhielt sehr schnell Kenntnis von Carlo Schmids Angriffen, geriet begreiflicherweise in Zorn und stürzte sich – auf wen? Nun, nicht etwa auf den wehrhaften Vizepräsidenten des Bundestages, der außerdem noch sein Parteigenosse ist, sondern auf die drei Angestellten und entließ sie fristlos, weil sie sich an den beleidigenden Äußerungen „zum Teil beteiligt, sie gebilligt oder aber ohne Widerspruch hingenommen hätten. Sein Bannstrahl wurde mit solcher Ausschließlichkeit gegen seine Angestellten – und nicht gegen seinen gewaltigen Parteigenossen – geschleudert, daß der Name Carlo Schmid in der Presseerklärung des Intendanten überhaupt nicht erwähnt wird. Erst als die Entlassenen sich zum Wort meldeten, erfuhr man, wer eigentlich der Beleidiger des Herrn Eberhard gewesen war.

Niemand wird es dem Intendanten des Süddeutschen Rundfunks verübeln, daß er sich nicht ungestraft kränken lassen will. Warum aber dieser politisch durchaus erfahrene Mann seinen Beleidiger schont und statt dessen einige seiner Angestellten, die keine begeisterte Neigung, ihn zu verteidigen, gezeigt haben, auf die Straße setzt, ist rätselhaft. Eigentlich gibt es dafür nur zwei, Möglichkeiten der Erklärung. Entweder ist die fristlose Entlassung eine weitere Episode in dem kalten Krieg, der in dem Stuttgarter Hause zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmern zu herrschen scheint, seitdem Herr Eberhard Intendant ist. Dann hätte das verlängerte Plauderstündchen einen willkommenen Anlaß abgegeben, mit einigen kritischen Angestellten fertig zu werden (Herr Fischer ist Vorsitzender des Betriebsrats). Oder aber es spielen sich da irgendwelche, dem Außenstehenden unverständliche Kämpfe zwischen Parteigenossen ab, denen nun drei Angestellte zum Opfer gefallen sind. Es ist zum mindesten kein Zweifel, daß der Intendant, dem Caflo Schmid offenbar mehr Kraftworte gewidmet hat, als selbst auf der etwas gemütlicheren „Länderebene“ erträglich ist, des Glaubens ist, der Vizepräsident des Bundestages habe auch andere führende Sozialdemokraten gezaust, so den in Württemberg ebenso einflußreichen wie beliebten Landtagsabgeordneten Möller, und sogar den Parteivorsitzenden Ollenhauer. Wir hören aber von Friedrich Sieburg, der dem Vorgang als ein gegen seine sonstige Art sehr wortkarger und sich unbehaglich fühlender Zeuge beigewohnt hat, daß Schmid von Ollenhauer nur und ausschließlich mit Wärme und Hochachtung gesprochen habe, und daß auch die Bemerkung über Möller, so barock sie gefaßt gewesen sei, eher Respekt als Kritik enthalten habe. Carlo Schmid ist ja selbst Manns genug, seine Absichten zu interpretieren und den Teil der umlaufenden Bonmots und Kraftworte, der wirklich auf sein Konto kommt, zu vertreten. Inwieweit die ganze Angelegenheit dann noch ein öffentliches Interesse bietet, wird sich zeigen. Unvermindert freilich wird, mit welchen Namen sich die Herren von der SPD auch nennen mögen, unser Interesse an dem Schicksal der drei entlassenen Angestellten sein, die für eine uneingestandene Sache büßen müssen, nämlich entweder für die sozialen Spannungen, die in dem Stuttgarter Hause herrschen, oder für das Gewitter, das zwischen sozialdemokratischen Halbgöttern ausgebrochen ist. gh