DIE ZEIT

Die gesamte dänische und norwegische Öffentlichkeit ist in den Strudel eines heftigen Meinungsstreites geraten, der – merkwürdig genug – weder durch ein politisches Ereignis noch durch einen gesellschaftlichen Skandal oder sonst eine Begebenheit auf dem weiten Feld täglicher Sensationen ausgelöst wurde. Atlantikpakt und Grundgesetz, sonst Themen von permanenter Aktualität in Dänemark, treten zurück vor der Wichtigkeit der alles überschattenden Frage, die eine rein religiöse ist und lautet: gibt es ein ewiges Leben? Es ist seltsam genug, daß ein solches Thema in einer Zeit scheinbar allgemeiner religiöser Indifferenz zum Streitobjekt werden kann. Den Anlaß dazu gab der junge Theologieprofessor an der Aarhuser Universität, Dr. Lindhardt, der auch am Dom dieser Stadt als Hilfsprediger wirkt. Dieser sehr temperamentvolle und streitbare junge Theologe verstieg sich in Vorträgen und in einem aufsehenerregenden Interview in „Berlingske Tidende“ zu der an Häresie grenzenden Behauptung, die Bibel gebe an keiner Stelle den Beweis für ein ewiges Leben. Solche naiven Vorstellungen gehörten dem Reich des Aberglaubens an.

Mit diesen Äußerungen hat Dr. Lindhardt den Gläubigen und den Theologen den Fehdehandschuh hingeworfen, und es braucht niemand zu wundern, daß man seinen Kopf fordert; das heißt wenigstens seine Beseitigung als Hilfsprediger verlangt. Die allgemeine Situation erinnert an die Zeiten des alten Byzanz im vierten und fünften Jahrhundert, als auf den Straßen Schuster und Schneider mit leidenschaftlicher Heftigkeit, die oft genug in Schlägereien ausartete, über den Begriff der Trinität diskutierten.

Die Massen drängen sich wie bei großen Sportveranstaltungen zu Tausenden zu den Vorträgen und Diskussionen des umstrittenen Theologieprofessors im größten Versammlungsgebäude. Das Merkwürdigste ist, daß diejenigen, die sich zuallererst getroffen fühlen müßten, nämlich die kirchlichen Würdenträger und die zünftigen theologischen Theoretiker, sich in vollkommenes Schweigen hüllen. Kein Bischof hat bis jetzt das Wort ergriffen, nicht einmal der Dr. Lindhardt vorgesetzte Bischof Dr. Skatt Hoffmeyer; dieser erklärte lediglich in einem Interview,, er brauche viel Zeit, um über die Sache nachzudenken.

Ist es in Dänemark der Himmel, der „einzustürzen“ droht, so bemühen sich die prominenten Vertreter der christlichen Lehre in Norwegen um die Vernichtung der Hölle. Die Hölle nämlich sei keine Realität, erklärte der Bischof von Hamar, Dr. Schelderup, in einem Zeitungsartikel als Antwort auf eine das Gegenteil behauptende Radiopredigt des bekannten konservativen Theologieprofessors Dr. Hallesbye. Dieser Dr. Hallesbye hatte seinen Zuhörern die Schrecken der Hölle angedroht, sofern sie etwa weiter in ihrer Glaubenslosigkeit verharren würden. Die Reaktion blieb nicht aus. Kaum war er zu Ende mit seiner Rede, als die Telephone des Rundfunks ununterbrochen klingelten von Leuten, die heftig protestierten. Die Zeitungen des nächsten Tages brachten riesige Schlagzeilen. In den Leitartikeln wurde der „Sonntagsskandal“ mit höchstem sachlichen Ernst diskutiert. Bischof Dr. Schelderup erklärte, daß die Lehre von der Hölle sehr problematisch und ihre biblische Grundlage sehr umstritten sei. Der jetzt fünfundsiebzigjährige Professor Dr. Hallesbye gehört seit fünfundvierzig Jahren dem konservativen Flügel der Theologen Norwegens an und als Leiter der konservativen Gemeindefakultät die Staatsfakultät ist die liberale – war er Lehrer der meisten norwegischen Pastoren, die ihn vergöttern; er erklärte zu Bischof Scheiderups Äußerungen, seit 150 Jahren habe kein norwegischer Bischof öffentlich die Bekenntnisgrundlage der Kirche verneint.

Bischof Dr. Schelderup hat eine eigenartige Laufbahn gehabt. Als Sohn eines Bischofs studierte er ursprünglich Theologie und wurde sogar Dr. theol. habil. Wegen seiner sehr radikalen Anschauungen wurde ihm zunächst Keine Pfarrstelle anvertraut. Er schloß sich den Unitariern an und wurde ihr Führer in Norwegen. Erst während des Krieges bekehrte er sich zum Christentum – wurde 1946 Pfarrer und schon zwei Jahre später Bischof.

Jedenfalls geht die Diskussion um die Existenz der Hölle mit größter Heftigkeit weiter; daß das ewige Leben existiert, darüber ist man hier jedenfalls einig. Eine Reihe führender Kirchenmänner, darunter Bischof Smemo, Primas der norwegischen Kirche, sowie der bekannte norwegische Theologe Dr. Wislöf nehmen Partei für Professor Hallesbye gegen Dr. Schelderup. Dr. Wislöf, dessen Worte in kirchlichen Kreisen Norwegens großes Gewicht haben, verlangt, daß Dr. Schelderup aus der Kirche ausgestoßen werden soll, weil er nicht auf dem Bekenntnisgrund steht. In Zeitungsartikeln werden Kirchenmitglieder von Dr. Wislöf zur Gehorsamsverweigerung ihrem Bischof gegenüber aufgefordert. Damit hat der Kirchenstreit wohl seinen Höhepunkt erreicht, und vieles deutet darauf hin, daß er den Auftakt zu dem lang erwarteten Machtkampf zwischen Innerer Mission (deren Führer seit Jahren Professor Hallesbye ist) und dem liberalen Flügel der Staatskirche mit Bischof Schelderup an der Spitze bilden wird.

Engdahl Thygesen