Schauspiele, die dem Publikum Rätsel aufgeben, scheinen oft gerade darum unsterblich. Aber, es müssen Schau-Spiele sein. Hans Erich Nossacks Stück „Die Hauptprobe“ ist rätselvoll genug, um eine gemischte Kommission von Philosophen, Literaturhistorikern und Psychologen zu beschäftigen. Schon sein Untertitel „eine tragödienhafte Burleske“ schlingt Paradoxien ineinander, deutet ein ironisches Doppelspiel an, wie es dann vom schwabbligen Wirt Klonz, dem Clown des Stücks, dem Publikum direkt versprochen wird. „Versprochen wird, versprochen wird...“ müßte jetzt eine hallende Lautsprecherstimme als Echo im Hintergrund rufen, wenn wir in Nossacks Manier fortsetzen wollten. Mit solchen tönenden Oberschriften hinter der Szene („Das ganze Leben ist eine Hauptprobe“, „Hunger Hunger!“, „Ich wollte, die Nacht wäre vorbei!“) vexiert er sein Publikum. Sollen sie den Extrakt der Handlung herausheben? Sollen sie ihren geheimen Sinn entschleiern? Ist das meckernde Echo die einzige Antwort auf alles, was wir tun? Oder sind es Mittel, eine Stimmung, der Kafkascher Landschaften verwandt, zu erzeugen? Vielleicht gehen wir nicht ganz fehl, wenn wir annehmen, daß Stimmungen, oder vielmehr Aperçus, die aus ihnen entsprangen, die Anlässe für Nossacks dramatisches Bemühen waren.

Wie immer auch der Entstehungsprozeß gewesen sein mag, was etwa an barocken und romantischen Traditionen mitgemeint sein könnte – vielleicht schwebt Erinnerung an Tieck’s „Verkehrte Welt“ vorbei – es wurde kein Theater draus. Dem Epiker Nossack verwirrten sichdie Fäden, die bei jenen Vorbildern ein zwar kunstvoll verschlungenes, doch erkennbares Muster abgeben, heillos. Ein Muster, das bei solchen rätselhaften ironischen Spielen In sich geschlossenes Symbol bleibt, kam bei ihm gar nicht mehr zustande. War es aber seine Absicht, auf diese Weise zu zeigen, daß das Leben, für das die mißlungene „Hauptprobe“ Gleichnis sei, keine Struktur mehr haben kann, so wäre das zugleich eine Absage an das Theater.

Was von den zerfetzten, verwirrten Materialien, die da zu keinem Gebild zusammenkommen konnten oder durften, noch zu schildern ist, klingt traurig – roh. Dem feisten Wirt des schmierigen Provinzhotelchens „Zum Paradies“ fällt es ein, daß ein Theaterstück eine Attraktion für sein Lokal sein könnte. Der Erlös reichte vielleicht, die Abortfrau abzufinden, die ihn mit ihrem Schuldschein zur Heirat erpressen will. Sie selbst, ihr Sohn, der dürftige Kellner Mägerling, das Hausmädchen Schnudelmutz, dessen zufällig einkehrender ehemaliger Liebhaber Schnudelbart und ein schwerhöriger Lumpensammler sollen mitspielen. Das Stück sinnlos beziehungsvoll „Der verlorene Sohn“ geheißen – zersetzt sich in der Probe an den wahren Rollen der Personen. Sie folgen der Scheinhandlung nur so weit, als sie ihnen die Stichworte für ihre eigene Weltschau gibt. Die aber ist eitel Bitternis. Schnudelmutz beklagt, in wehem Volksliedton, oder sarkastisch herausfordernd, ihre mißbrauchte Liebe, Schnudelbart rast und flennt über die Vergeblichkeit seiner Weltverbesserungsversuche, der käsbleiche junge Schwärmer Mägerling ernüchtert sich an einem einzigen falschen Kuß. Die Abortfrau, blutrot gekleidet, trampelt als brutale Muttergottheit, als luziferische Widersacherin des Geistes daher. Klonz, den Wirt, entlarvt die Pantomime, zu der ihn das „Spiel“ zwingt, als Schwein, als pure Kreatur. Der Lumpensammler, halb blöd, halb taub, träumt seinen Traum, daß er so alt sei wie die Erde, und wacht nur in verzückter Gier auf, wenn vom Essen die Rede ist.

Doch alle Ausbrüche dieser armen schrecklichen Leute sind vergebens. Die Rollen, in die sie sich für Augenblicke, mit allem Pomp klassischer Theaterverse steigern (Abortfrau – Königin; Hausmädchen – Prinzessin usw.) sind Hohn auf ihre gemeine Existenz, sind matt aufzuckende Lichter in blinden Spiegeln. Welches ihre wahre Rolle und welches schlimme Verzauberung ist, wissen sie selbst nicht. Man möchte nach diesem groben Resumé wieder an zu rätseln fangen. Hat Nossack so etwas wie Archetypen schaffen wollen? Merkwürdig ist es wohl, daß aus dieser strapaziös undramatischen Szenenfolge ein paar kolossale Gebärden in der Erinnerung hängen bleiben.

Was man irgend tun konnte, aus so zerstücktem Tiefsinn Anschauung zu machen, geschah bei der Uraufführung im Kleinen Haus des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden. Walter Grüntzig hatte es inszeniert und das hektische Hin und Her der Reaktionen zwischen den Sphären in den Einzel- und Gruppenbewegungen gut herausgebracht. Das Publikum nahm das rätselhafte Stück befremdet aber höflich auf. Helene Rahms