Im Norden von Schleswig-Holstein, in Schleswig, entsteht eine Weißzuckerfabrik. Das Gesamtobjekt wird voraussichtlich Investitionen in Höhe von etwa 26 Mill. DM erfordern. Der Bund und das Land Schleswig-Holstein leisten Hilfestellung. Es erhebt sich die Frage, ob ein solcher Kapitalaufwand an einem Orte, der weitab von den industriellen Schwerpunkten und den übrigen Agrargebieten Westdeutschlands liegt, lohnend ist. Hamburgs Finanzsenator Dr. Walter Dudek ist der Meinung, daß in diese Zuckerfabrik erhebliche öffentliche Mittel zu einer Fehlinvestition „verplant“ werden.

Es ist nicht nur der Umfang des für die Errichtung einer zweiten Zuckerfabrik in Schleswig-Holstein notwendigen Kapitals, der zum Nachdenken Anlaß gibt. Da ist auch noch die Aufbringung der Mittel zu beachten. Initiatoren und zugleich Finanziers des Unternehmens sind der Bund, das Land Schleswig-Holstein und der schleswig-holsteilische Bauernverband. Die Finanzierung soll mit 15 Mill. DM aus ERP-Geldern über die Kreditanstalt für Wiederaufbau erfolgen; das Land Schleswig-Holstein will je nach der Höhe der tatsächlich entstehenden Investitionen 6 Mill. DM übernehmen, und der Rest von rd. 5 Mill. DM soll von den rübenbauenden Landwirten und von anderer Seite aufgebracht werden, wie Maschinenlieferanten oder Genossenschaftsbank, als Eigenkapital der Schleswig-Holsteinischen Zucker A.G.

Wenn Bund und Land Wert darauf legen, daß die Fabrik eine Zuckerfabrik der Bauern wird und demzufolge die Landwirtschaft verpflichten, das Eigenkapital in voller Höhe aufzubringen, vielleicht auch, wie beabsichtigt, unter Beistand der Landwirtschaftlichen Rentenbank und der Deutschen Genossenschaftskasse, so ist dagegen nichts einzuwenden. Die Landwirte sind insoweit Unternehmer und tragen im Umfang ihrer Einlagen das Risiko. Das Aktienkapital von rd. 5 Mill. DM, das bis zu 7 Mill. DM erhöht werden kann, beträgt aber lediglich ein Fünftel der Gesamtkosten. 80 v. H. oder etwa 21 Mill. DM trägt die öffentliche Hand in Form von Krediten. Hierbei handelt es sich um Gelder, die Westdeutschland für die Produktionssteigerung seiner Wirtschaft von den USA zur Verfügung gestellt worden sind, und um Steuergelder. In letzterem Falle sogar um die eines Landes, das seine Einnahmen, wie zur Genüge bekannt ist, zum wesentlichen Teil in der Form von Darlehen, Zuschüssen oder Finanzausgleichszahlungen vom Bund und von den übrigen Ländern bezieht. Bund und Länder haben demnach alle Berechtigung, unbeschadet des föderalen Prinzips, über die ökonomische Verwendung der von ihnen hergegebenen Mittel zu wachen. Mit einer Beteiligung der Bundesregierung und des Landes Schleswig-Holstein am Aufsichtsrat der künftigen Zuckerfabrik ist es nicht getan. Die Wirtschaftlichkeit der Mittel Verwendung muß bereits vor Baubeginn zur Diskussion gestellt werden.

Die Fachleute sind sich indessen einig, daß die Rentabilität des Unternehmens nicht gewährleistet ist. Unter Zugrundelegung eines Zuckergehaltes der im schleswig-holsteinischen Raum geernteten Zuckerrüben von 15,5 v. H. an der Schneidmaschine und einer Verarbeitung von 1,8 Mill. dz Rüben, sowie bei einem Zinssatz von 5 v. H. für das ERP- und das Landesdarlehen wies eine probeweise aufgestellte Erfolgsrechnung einen Jahresverlust von 45 000 DM aus. Selbst bei Anpassung des Ab-Fabrik-Preises an den höheren, bisher nur für süddeutsche Fabriken gültigen Preis ergibt sich noch immer ein beträchtlicher jährlicher Verlust. Um die Aufwandsseite der Bilanz zu verkürzen und damit eine kalkulatorische Rentabilität herzustellen, hat nunmehr das Bundeskabinett beschlossen, den Zinssatz für das gesamte ERP-Darlehen für die Dauer der Bauzeit und einer Anlaufzeit des fertigen Werkes von mehreren Jahren von 5 auf 1 v. H. herabzusetzen. Für den Kredit der Landesregierung Schleswig-Holstein wird das gleiche erwartet. Darüber hinaus soll auch nach Beendigung der Anlaufzeit die Rentabilität durch Zinssubventionen weiterhin künstlich herbeigeführt werden, wenn sich herausstellt, daß die Gesellschaft eine 5 %ige Verzinsung nicht tragen kann.

Es werden hier offenbar Mittel der produktiven Verwendung entzogen, um sie einer Fehlinvestition zuzuleiten. Selbst für späterhin, nach einer gewissen Anlaufzeit, ist mit einem echten Ertrag der Zuckerfabrik mit Sicherheit nicht zu rechnen. Ein Überschuß hängt davon ab, ob sich die Erwartungen der Gesellschaft hinsichtlich der Rübenanlieferung, der vollen Kapazitätsausnutzung und des Zuckergehalt tes in vollem Umfange erfüllen. Das aber ist in vorliegendem Falle höchst fraglich. Die Ausdehnung des Zuckerrübenanbaues hat in den letzten Jahren in Schleswig-Holstein zwar beachtenswerte Fortschritte erzielt; die Anbaufläche betrug 1948 rd. 4000 ha, 1952 rd. 10 500 ha. Absolut gesehen hat Schleswig-Holstein jedoch im Vergleich zu den für den Zuckerrübenanbau wesentlichen Ländern Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Bayern – um nur einige zu nennen – den niedrigsten Anteil an der Gesamtanbaufläche im Bundesgebiet; er beläuft sich auf rd. 5 v. H. Der Rübenertrag je Hektar belief sich 1951 in Schleswig-Holstein auf 288 dz im Durchschnitt; im Bundesdurchschnitt dagegen auf 327 dz. Der Ertrag wies in keinem Land einen so niedrigen Stand wie in Schleswig-Holstein auf. Das gleiche gilt für den Zuckergehalt der Rüben. Der Zuckerertrag belief sich 1951 in Schleswig-Holstein auf 3,89 t je ha; im Bundesdurchschnitt auf 4,85 t. Der Zuckergehalt an der Schneidmaschine lag in St. Michaelisdonn, der bisher einzigen Zuckerfabrik Schleswig-Holsteins, in 1951 bei 15,97 v. H., hingegen im Bundesgebiet bei 16,2 v. H. In der Kampagne 1952/53 waren es in St. Michaelisdonn sogar nur 15,18 v. H.

Vorstehende Zahlen sind an sich eindringlich genug, um zu zeigen, daß kostspielige Investitionen zur örtlichen Ausbeute einer unterdurchschnittlichen Ernte, deren Verarbeitung in St. Michaelisdonn und in den niedersächsischen Zuckerfabriken bis jetzt ohnehin gesichert war, sich von selbst verbieten. Industrialisierung um jeden Preis sollte vermieden werden; es wäre jedoch mehr als verfehlt, wenn man die anerkannten Nöte Schleswig-Holsteins mit Fehlinvestitionen bekämpfen wollte. Zu all dem tritt noch hinzu, daß im Hinblick auf die Rohstoffbasis der künftigen Schleswiger Zuckerfabrik erhebliche Unsicherheiten bestehen. Wenn man von einer Erzeugung von 288 dz je ha im schleswig-holsteinischen Rübengebiet auch in Zukunft ausgeht, so beträgt der jährliche Rübenanfall bei einer Anbaufläche von 10 500 ha etwa über 3 Mill. dz im Jahr. Als rentable Verarbeitungskapazität sind für die Schleswiger Fabrik 1,8 Mill. Doppelzentner angenommen. Berechnungen haben nun ergeben, daß nach Abzug des Bedarfs für die Fabriken in St. Michaelisdonn und im niedersächsischen Raum sowie des Eigenverbrauchs der Landwirtschaft in Schleswig-Holstein für Schleswig nicht mehr genügend Material übrig bleibt, um die angestrebte Kapazität von 1,8 Mill. dz ausnutzen zu können. Das in diesem wahrscheinlichen Falle mangelnde Rübenmaterial wäre also ein weiterer Grund, um die Wirtschaftlichkeit des Werkes mit Skepsis zu beurteilen.

Wenn Neubauten notwendig sind, dann keinesfalls in Gebieten, wo die Voraussetzungen für eine rentable Produktion nicht gegeben sind. Andernfalls würde, wenn man sich auf die Gesetze der Marktwirtschaft berufen will, gegen die elementarsten Regeln dieser Wirtschaftsordnung verstoßen werden. Das Argument der Schleswig-Holsteinischen Zucker AG., daß durch die kleine Zuckerfabrik in St. Michaelisdonn mit einer täglichen Verarbeitungskapazität von 8–10 000 dz, das ist die Hälfte der der Zuckerfabrik in Schleswig, der Zuckerbedarf des Landes noch nicht gedeckt sei, beschwört längst verklungene merkantile Gedankengänge herauf. Im Zeitalter gemeinsamer europäischer Märkte haben diese aber wohl keinen Raum mehr, Walter Dudek