J. B. London, im März

Hinter Euston Station liegt Camden Town, eine schmutzige, trostlose Vorstadt Londons. Die Einwohnerschaft dieses Stadtteils ist anders als die aller anderen Vororte – hier nämlich lebt die Mehrzahl aller Neger. Gewiß, auch unten am Hafen und im Eastend sieht man viele Schwarze, aber die hier in Camden Town gehören einem ganz anderen Menschentyp an: es ist die schwarze Intelligenz, die hier geschäftig auf und ab eilt, in der einen Hand eine alte Mappe voller Bücher, in der anderen ein Exemplar der kommunistischen Tageszeitung „Daily Worker“. Die snack-bars in Camden Town sind voll von diesen schwarzen Intellektuellen, die dort ihren Tee trinken und endlos über. Politik diskutieren. Wer in diesem Milieu während der letzten zehn Jahre gelebt hat, der kennt all jene schwarzen Persönlichkeiten, die heute irgendwo in der Welt eine politische Rolle spielen. Dort konnte man diskutieren mit Jomo Kenyatta, der heute angeklagt ist, Führer der Mau-Mau-Bewegung in Kenya zu sein, mit Peter Koinange von der Kenya African Union oder mit Nkrumah, dem derzeitigen Ministerpräsidenten der Goldküste und mit Krishna Menon, dem indischen Delegierten beim Sicherheitsrat und politischen Berater Nehrus. Dort, in jenen Cafés, fanden die Neger aus Afrika und Westindien zum erstenmal die Gelegenheit, gemeinsam ihre Probleme zu diskutieren, oft unter Anleitung des Veteranen aller schwarzen Autoren, George Padmore, dessen Bücher ihnen zum Evangelium ewiger Wahrheiten geworden sind.

Es war kein Zufall und entsprang auch nicht einem dringenden Bedürfnis nach Gemeinschaft, daß die schwarzen Studenten sich immer mehr in Camden Town konzentrierten, es lag vielmehr daran, daß niemand im übrigen London bereit war, sie aufzunehmen. Selbst im britischen Parlament hat man gelegentlich gegen dieses dem Neger entgegengebrachte Vorurteil Stellung genommen, aber es ist wohl sehr schwer, Vorurteile zu besiegen. Auch in den großen Hotels, Klubs oder Restaurants von London ist immer eine gewisse Reserve gegen die Neger spürbar. Wohlgemerkt nicht gegen „die Farbigen“ überhaupt (die indische Oberschicht ist in England immer sehr angesehen gewesen), sondern gegen die afrikanischen Neger, die auf der untersten Stufe der sozialen Leiter stehen. Auf diese Weise sind die Neger allmählich immer stärker isoliert und auf Camden Town zurückgedrängt worden. Sie fühlten sich ohnehin so fern von zu Hause in einer ganz fremden Umgebung und einem traurigen Klima einsam und verlassen.

Nur die Kommunisten stritten für die verlorene Sache der Neger. Der Daily Worker war die einzige Zeitung, die gelegentlich Beiträge der schwarzen Akademiker aufnahm; junge Kommunistinnen die einzigen englischen Mädchen, die bereit waren, mit den schwarzen Intellektuellen auszugehen; und die Kommunistische Partei schließlich nahm sich ganz systematisch der Neger an und schickte sie auf Ferienkurse in die verschiedensten europäischen Länder. Zum ersten Male also wurden sie hier als Gleichberechtigte behandelt, und dieses Gefühl einer Solidarität mit den Kommunisten, das in Camden Town gepflegt wurde, wirkte weiter, wenn die neu gebackenen Doktoren und Anwälte in ihre Heimat zurückkehrten.

In London aber haben alle diese Intellektuellen die Möglichkeit, zum ersten Male ‚Dinge. zu studieren und zu lesen, die sie in Afrika nie zu Gesicht bekommen. Dort erst ist ihnen die Schwede des zerbrechenden britischen Empires klar geworden. Dort erst erfuhren sie von der Stärke und den Erfolgen der Eingeborenen-Bewegungen in anderen afrikanischen Kolonien, und dort schließlich haben die Kommunisten ihnen beigebracht, wie man sich gegen die britische Herrschaft auflehnt.

Jetzt sitzt dieser Haß, der in London in diesen jungen Studenten entwickelt worden ist, sein tief und wirkt bestimmend auf die Haltung der afrikanischen Völker. In den letzten Jahren, vor allem auch seit dem Seretse-Kama-Zwischenfall, hat diese allgemeine anti-weiße, anti-westliche Einstellung sich auch in scharfer Weise gegen die christliche Kirche gewandt. Viele haben ihre christlichen Namen wieder abgelegt. Tief verletzte soziale und nationale Gefühle geben einer solchen Einstellung, immer neue Nahrung. Und mit diesen Haßgefühlen und der Erkenntnis, wie schwach die britische Herrschaft in der Welt sei, ist auch das Selbstgefühl und das Selbstvertrauen im Wachsen. Nicht nur Azikwe in Nigeria, sondern viele andere mit ihm glauben, daß im nächsten Jahrhundert die Neger das im Verfall begriffene Europa erobern werden. Alle aber sind sie der Meinung, daß die Stärke Europas – seine moralischen und geistigen Werte – bereits tot oder mindestens im Absterben begriffen ist, und sie alle sind fest entschlossen, die alten Ordnungen und Wertvorstellungen, endgültig zu zerstören. Aber sie haben keine eigenen Werte, an deren Stelle zu setzen, und eben dies ist die Tragik des neuen Afrika.