Gebt mir tausend echte Römer“, ruft der Präfekt von Ravenna aus, als die Heruler 455 seine Stadt belagern. Mit tausend echten Römern glaubt er nicht nur seine Stadt, sondern das ganze weströmische Reich vor dem Untergang bewahren zu können. Aber die tausend echten Römer sind eben nicht mehr da – genau so wenig wie römische Kultur und römischer Geist als geschichtsmäßige Kraft noch da sind: die Zukunft gehört den Barbaren, den wilden Horden vor der alten Stadt.

Das Drama des österreichischen Autors Harald Zusanek „Warum gräbst Du, Centurio?“ (Uraufführung im Osnabrücker Theater am Domhof) setzt in dem Augenblick ein, da Aetius, Heermeister und Prokonsul des weströmischen Reiches in der bedrohten Stadt erscheint. Aetius ist ein Mann, der den Cicero und die griechischen Philosophen ebenso gut kennt wie das Schwert. Die bedrängten Stadtobern jedoch sehen in ihm nur den Sieger über die Hunnen: Aetius muß sie retten.

Aetius aber weiß: es gibt keine Rettung. Es gibt nur noch – überleben. Nicht aus Feigheit, nicht aus Profitgier, sondern aus kühlem römischen Geist knüpft er Verhandlungen mit dem Herulerfürsten Hato an: Rom kann nur noch durch den Geist siegen (der allerdings hier – geschichtsgerecht – kaum noch römisch, sondern fast nur hellenisch ist). Der sterbende Aetius hat deshalb gesiegt, als er dem Sieger Hato die Ilias in die Hand drückt und dieser, darin blätternd, murmelt: „Welch seltsames Buch.“

Daß Aetius bis zu seinem Tode freilich doch noch Ravenna gegen die Barbaren verteidigt hat, noch einmal Kriegsheld wider Willen war, daran ist im Drama die junge Römerin Cornelia schuld. Sie wurde von ihrem Freund Aetius als Unterhändlerin zu Hato geschickt. Aber auf gleichsam repräsentativem Niveau geschieht hier, was so vielen besiegten Männern in aller Welt seitdem geschah: die Römerin verläßt ihn, sie bleibt bei dem Barbarenfürsten, sie ist fasziniert von der vitalen Kulturlosigkeit.

Ihr bedeutet das Leben mehr als die Literatur. Mehr noch: die römisch-griechische Bildung hat sie geradezu neurotisch gemacht; sie erstickt daran.

Unter römischen Söldnern und Centurionen (von denen einer kurz vor dem Einmarsch der Barbaren den letzten Legionsadler vergräbt – daher der Titel des Stückes) ist der Prokonsul Aetius die beste Figur: beispielhaft für Zeiten des Untergangs, ohne deshalb typisch zu wirken. Ein Mann, dessen naive Heldenkraft von leiser Melancholie überschattet, dessen Tatendurst von nahendem Nihilismus gelähmt wird. Ein Mann mit kühlem Kopf und klarer Erkenntnis und eben deshalb ein Kopf, zum Untergang eines Weltreiches bestimmt. Denn am Anfang der Imperien stehen keine kühlen Kämpfe, sondern heiße Herzen.

Für dieses Drama hat Harald Zusanek den österreichischen Staatspreis bekommen. Dennoch wurde das Stück in Österreich nie aufgeführt; zwar probte man es an der „Burg“, aber in die Generalprobe kam der russische Theateroffizier, sah – und verbot die Premiere. Fürchtete er Parallelen zur heutigen Zeit? Aber selbst wenn er damit rechnete – die Russen würden dann doch die Rolle der Barbaren spielen, und zumindest militärisch gesehen siegen in Zusaneks Stück die Barbaren ...

So erwarb denn der Osnabrücker Intendant Erich Pabst dieses echte Schauspiel, in dem nur die Dialoge bisweilen noch zu steif – beinahe zu geistreich – sind für die dramatische Handlung. Erich Pabst inszenierte es auch selbst: mit dem Pathos, das dem Stück zukam, mit der Straffung gewisser nur aus der Idee kommender Dialogstellen, die den Schauspieler vor eine unlösbare Aufgabe gestellt hätten. Die schwierigste Rolle hatte ohne Zweifel die junge Sigrun Höhler als Cornelia zu bewältigen. Doch spielte sie die junge Römerin mit einer vibrierenden Intensität, die freilich im ersten Aufzug notgedrungen noch etwas übertrieben wirkt. Heinrich Wilberts Aetius war eine reife Leistung, die aus einer Schauspielerpersönlichkeit kam und Persönlichkeit ausstrahlte. P. H.