Vor fünf Jahren wurde Bundeswirtschaftsminister Erhard zum Wirtschaftsdirektor der Zweizonenverwaltung ernannt. Aus diesem Anlaß hat sich unser Bonner Korrespondent, Dr. Robert Strobel, mit einigen Fragen an Dr. Erhard gewandt, in denen das Ergebnis von fünf Jahren Wirtschaftspolitik unter seiner Leitung, die gleichzeitig fünf Jahre eines überaus erfolgreichen Wiederaufbaus waren, zusammengefaßt und einige besonders wichtige aktuelle Fragen der deutschen Wirtschaft angeschnitten werden.

Frage: Worin sehen Sie, Herr Bundesminister den Haupterfolg der wirtschaftspolitischen Maßnahmen, die Sie im Verlaufe der fünf Jahre, in denen Sie das Wirtschaftsressort führen, eingeleitet haben?

Antwort: Den wesentlichen Erfolg der Wirtschaftspolitik erblicke ich darin, die Wirtschaft und vor allen Dingen die wirtschaftenden Menschen von unerträglichen bürokratischen Fesseln und von staatlicher Bevormundung freigemacht zu haben. Weil die Arbeit wieder Sinn und Lohn erhielt, war die Bahn für einen erfolgreichen Wiederaufbau frei. Daß es in dieser Zeit Deutschland gelungen ist, sich erfolgreich in die Weltwirtschaft einzugliedern, seine Lebensgrundlagen aus eigener Kraft sicherzustellen und heute über eine stabile Währung zu verfügen, – das alles bestätigt die Richtigkeit der vor fünf Jahren von mir eingeleiteten Wirtschaftspolitik.

Frage: Es wird jetzt viel von einer Krise gesprochen, in die die Weltwirtschaft und auch die deutsche Wirtschaft gerate. Wie beurteilen Sie, Herr Bundesminister, diese Voraussagen und wie schätzen Sie die voraussichtliche Entwicklung der deutschen Wirtschaft auf längere Sicht ein?

Antwort: Es kann nicht verkannt werden, daß sich in den letzten Wochen allenthalben eine gewisse Besorgnis hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung breitmacht. Der saisonal bedingte Produktionsrückgang, die Verhärtung des Wettbewerbs im Außenhandel, die starken Steuerlasten und die Ungeklärtheit der politischen Situation lassen solche Befürchtungen psychologisch wohl begründet erscheinen. Die wirtschaftliche Führung steht indessen heute wirtschaftlichen Entwicklungstendenzen nicht mehr tatenlos und auch nicht mehr ratlos gegenüber. Es wird von mir und meinem Hause Sorge getragen werden, daß der Wirtschaft noch im Laufe des Monats März neue Impulse zugeführt werden.

Frage: Der Bundesfinanzminister erwartet, daß durch die sogenannte „kleine Steuerreform“ die Wirtschaft einen starken Auftrieb erfahren werde. Ist nach Ihrer Auffassung der von der Steuerreform zu erwartende Impuls stark genug, um die erhofften wirtschaftlichen Auswirkungen hervorzubringen?

Antwort: Es ist bekannt, daß ich schon seit Frühjahr des vergangenen Jahres immer drängender auf die Notwendigkeit einer Steuersenkung hinwies, weil von Seiten der Steuer – Überlastung unserer Wirtschaft zweifellos die ernsteste Gefahr in Richtung einer Lähmung und Erschlaffung aller Kräfte drohte. Die Steuersenkung soll so in der Konsequenz weniger zu einer Erhöhung des Verbrauchs als zu einem Anreiz der Leistung und über diese zu einer Belebung und Ausweitung der Wirtschaft führen. Ich bin überzeugt, daß dieses Ziel in den durch das Ausmaß der Steuersenkung gesetzten Grenzen auch erreicht werden wird.