Niemand von uns zweifelt, daß die Vereinigung beider Teile Deutschlands unser aller Wunsch und oberstes Ziel unserer Bemühungen ist. Wie und wann die Vereinigung geschehen soll, ist Sorge der Politik. Im Sport aber müßte es schon heute möglich sein, Gemeinsames zu unternehmen, besonders, da die letzten Besprechungen zwischen dem Präsidenten des Deutschen Sportbundes der Bundesrepublik und den Vertretern des Sportes der Ostzone die Grundlage dazu geschaffen haben.

Gewiß hat der „Fall Wagner“ wieder eine Trübung dieser sich anbahnenden Freundschaft hervorgerufen: dieser Westberliner Fußballspieler wurde unlängst in der Ostzone wegen eines formalen Verstoßes gegen gewisse an sich wohl unbedeutende Polizeivorschriften auf der Fahrt zu einem Treffen in Kiel aus seiner Reisegesellschaft heraus verhaftet und trotz aller Vorstellungen, Bitten und Anstrengungen des Westberliner Sportverbandes noch nicht wieder freigelassen. Man kann durchaus die Konsequenzen verstehen, die die Westberliner daraus zogen, indem sie erklärten, nicht eher wieder gegen die Ostsportler anzutreten, als bis Wagner wieder zu ihnen zurückgekehrt sei. Andererseits aber muß man auch den Standpunkt der Ostsportler begreifen, die erwiderten, daß sie nicht dafür verantwortlich gemacht werden könnten, wenn einer verhaftet würde, der gegen Polizeivorschriften verstoßen hätte. Diesen Fall also sollte man besser nicht zu einer cause célèbre machen, so sehr auch unsere Sympathien auf Wagners Seite sind.

Inzwischen sind trotz dieses peinlichen Zwischenfalles die Verhandlungen zwischen den einzelnen Fachverbänden der beiden Zonen weitergegangen, und es hatte ganz den Anschein, als könnte man zu einer Einigung kommen, so daß bald schon ein geregelter Wettkampfbetrieb zwischen West und Ost einsetzen dürfte. Doch schon kommt wieder etwas dazwischen, und diesmal scheint es, wenn man den Inhalt der verschiedenen Meldungen als richtig unterstellt, daß die Westsportler ungebührlich vorgehen. – Es bestand die Absicht, einen gemeinsamen „Deutschen Fußballmeister“ zu küren, und der Deutsche Fußballbund wollte an diesen Spielen dreizehn Mannschaften des Westens und drei der Ostzone teilnehmen lassen. Der Osten wünscht aber mehr, als nur drei Vereine ins Feld zu führen, und machte den Vorschlag, den Meisterverein der Bundesrepublik und den Meisterklub der Ostzone getrennt ausspielen zu lassen; dann könnte zwischen den beiden Siegern in einem Hin- und Rückspiel der „Deutsche Meister“ ermittelt werden. Außerdem empfanden die Vertreter der Ostzone es als „unangenehm“, zum dritten Male zu diesen Verhandlungen nach Westdeutschland zu kommen. Sie wollten das Gespräch diesmal in Ostberlin führen.

Warum geht man darauf nicht ein? Um ihre Freiheit brauchen die Vertreter des DFB doch gewiß nicht besorgt zu sein, weil es einfach undenkbar ist, daß führende Sprecher unseres Fußballverbandes bei einem offiziellen Besuch im Ostsektor Berlins eine persönliche Gefahr laufen. Und was den Modus der Wettkämpfe um den Titel der gemeinsamen Fußballmeisterschaft anbelangt, so sollte man großzügiges Entgegenkommen zeigen.

Fraglich ist auch, ob der Deutsche Skiverband richtig handelte: Erst versprach er, sich mit einer starken Mannschaft an den Ostwinterspielen in Oberhof zu beteiligen, worüber man drüben auch deshalb erfreut war, weil man dort auf einen durchschlagenden Erfolg gegen die Westvertreter erpicht war. Doch die westdeutschen Skimeister erschienen nicht.

Als dritter im Bunde: der Deutsche Schwimmverband. Er hat die Verhandlungen über ein gemeinsames Sporttreffen mit der „Sektion Schwimmen“ der Ostzone abgebrochen, weil er den „Staatsamateur“ ablehnt, wie ihn nach seiner Meinung die Aktiven des Ostens verkörpern. Zunächst ist noch gar nicht erwiesen, daß es den „Staatsamateur“ tatsächlich in den deutschen Gebieten jenseits des Eisernen Vorhanges gibt. Im übrigen –: Worin unterschiede er sich von unseren Sportlern, die ja auch nicht gerade sehr kleinlich in der Begriffsbestimmung des „Amateurs“ sind? Und wenn drüben gar der „Staatsamateur“ wirklich existieren sollte, so hätte man ihn sich ja eigentlich aus der Nähe ansehen und danach dann seine Entscheidungen treffen können. Es ist nicht immer ein Zeichen der Schwäche, wenn jemand Konzessionen macht.

Die aktiven Sportler auf beiden Seiten wollen gemeinsame Kämpfe. Prestigepolitik treiben, hieß aber eine dumme Politik treiben, denn sie hat (nach Willy Hellpach) die Eigenart, das Urteil der von ihr Ergriffenen zu trüben. Nur in einer Sache sollten unsere Sportführer allerdings fest bleiben: sie müssen die Garantie fordern, daß, wer von uns zu Sportkämpfen nach Ostdeutschland fährt, ungehindert und frei reisen kann und nicht plötzlich unliebsamen Überraschungen ausgesetzt wird, die Gefahr für Leib und Leben in sich bergen. Diese Zusicherung muß man (so hoffnungslos das auch nach dem „Fall Wagner“ anzumuten scheint) durch eine kluge Verhandlungsführung erhalten.

W. F. Kleffel