Auf der oHV der Dortmund-Hörder Hüttenunion AG, Dortmund, für das Geschäftsjahr 1950/51 äußerte sich über die Gegenwarts- und Zukunftslage dieses größten westdeutschen Stahlerzeugers der AR-Vorsitzer, Hermann J. Abs, bemerkenswert optimistisch. „Seit Monaten läuft unsere Hütte voll aus. Die neue Blechstraße arbeitet technisch und wirtschaftlich zur besten Zufriedenheit. Die Auftragseingänge sind nach wie vor höher als die Auslieferungen, so daß wir zumindest für die Laufzeit unseres200-Mill.-DM-Bauprogrammes (an der Blechkapazität) mit voller Beschäftigung und mit Aufrechterhaltung unserer gegenwärtigen Selbstfinanzierungsrate rechnen können.“

Im Gegensatz zu diesem Optimismus standen jedoch sehr vorsichtig formulierte Erklärungen über die Montan-Union: „Wir stehen vor Problemen in Luxemburg, die von den Schöpfern des Schuman-Planes in ihren Konsequenzen nicht vorausgesehen worden waren. Nicht nur die finanzielle, sondern auch die organisatorische Belastung ist hoch“ (die finanzielle liegt zum Beispiel im Falle Hüttenunion, wie Abs mitteilte, bei monatlich 200 000 bis 500 000 DM). Es bestehe also durchaus Veranlassung, offen auf gewisse Nachteile der Montan-Union hinzuweisen. Man solle aber nicht übersehen, daß diese Nachteile in Kauf genommen werden müßten, um diesen ersten praktischen Europa-Versuch glücken zu lassen. „Die Unionspartner müssen z. B. die Tendenzen genau im Auge behalten, die um die Steuerprobleme gruppiert sind, damit die Entwicklung nicht durch Beschlüsse in eine Bahn gelenkt wird, die im Widerspruch steht zu den marktwirtschaftlichen Zielen des gemeinsamen Marktes.

Zum Umlageverfahren meinte Abs, es solle nur mit Vorsicht angewandt werden. „Es ist richtiger, daß die Unternehmen, die Mittel aus einer Auslandsanleihe erhalten, selbstverantwortlich für ihre Zinsen und Tilgungen auftreten. Wir fürchten, daß bei Schaffung eines globalen Anleihetopfes die Verteilung der Mittel nicht nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten erfolgen wird.“

Wir vermuten, daß Abs mit dieser Formulierung auf gewisse sich andeutende Tendenzen künftiger Kreditpolitik der Hohen Behörde hinweisen wollte. In der deutschen Montan-Industrie. wird das Kapitel Auslandskapital in stillen Stuben wie in Versammlungen bereits mehr oder weniger detailliert erörtert. Überwiegend kommt dabei die Überlegung zum Ausdruck, daß die bisher von der Hohen Behörde angedeutete Möglichkeit eines Kollektivkredites mit der Union – mit der Rückendeckung des aus der Umlage fließenden Kollektivsicherheitsfonds – wenig Sympathie findet. In der Rhein-Ruhr-Wirtschaft ist der zündende Schwung unternehmerischer Selbstverantwortlichkeit nicht erstickt worden, sondern voll lebendig geblieben. Hier meint man, daß die guten Namen der Werke gleichen Kredit auf dem internationalen Felde haben wie europäische Konsortien. Rlt.