Als im Januar in Straßburg die erste Lesung der EPG, der Europäischen Politischen Gemeinschaft, stattfand, brachte Professor Senghor, der Vertreter Französisch-Äquatorial-Afrikas im französischen Parlament, sehr zur Freude (vielleicht auch auf Veranlassung?) der französischen Delegation, den Antrag ein, die 63 Sitze Frankreichs, – für Deutschland und Italien waren ebenfalls je 63 Sitze vorgesehen – um 20 zusätzliche Sitze für seine afrikanischen Landsleute zu erhöhen. Begründung: der enge wirtschaftliche Zusammenschluß der sechs europäischen Länder werde weittragende Konsequenzen für Französisch-Äquatorial-Afrika haben. Der deutsche Delegationsführer, von Brentano, machte damals geltend, Professor Senghor habe sich in der Adresse geirrt: er möge seinen Antrag auf anteilige Vertretung seines Landes, das ja ein integrierender Bestandteil Frankreichs ist, in Paris und nicht in Straßburg stellen.

Soeben ist nun in Straßburg die letzte Lesung des Verfassungsentwurfs erfolgt, bei der man sich hinsichtlich jenes Antrages auf sieben zusätzliche Sitze geeinigt hat. Deutschland und Italien haben also, jenem Argument Rechnung tragend, sich damit abgefunden, weniger Vertreter ins europäische Parlament zu entsenden als Frankreich. Erfolg: nicht etwa Befriedigung, sondern höchster Argwohn auf französischer Seite über diese Nachgiebigkeit. Der Korrespondent des Observer schreibt aus Straßburg, „die offiziellen Vertreter des Quai d’Orsay geben in privaten Gesprächen dem Verdacht Ausdruck, Italien und Deutschland hofften, die EPG als Hintertür für ihren colonial comeback zu mißbrauchen“. Und Bidault, der offenbar diese Bedenken teilt, hat sich beeilt, darauf aufmerksam zu machen, daß die Entgegennahme des Entwurfes die französische Regierung ja keineswegs nötige, ihn auch anzunehmen. Vielleicht also wird Frankreich, das zunächst besorgt war, bei paritätischer Vertretung ins Hintertreffen zu geraten, den Vertrag nunmehr ablehnen, weil die Zubilligung des ersehnten Übergewichts ihm noch mehr Sorge bereitet. Was für ein schlechter Ratgeber die Furcht doch ist – sie macht die klügsten Leute den dümmsten Argumenten zugänglich: wer sollte wohl im Ernst glauben, die Deutschen hielten es für zweckmäßig, sich der französischen Hintertür zu bedienen, um sich den Weg nach Afrika zu erschließen – wo doch heute nur der eine Chance bei den ehemaligen Kolonialvölkern hat, der in der glücklichen Lage ist, frei zu sein von kolonialen Interessen. Dff.