Alle Versuche, die der französische Außenminister Bidault seit seinem Amtsantritt zu Beginn des Jahres unternommen hat, haben zum Ziel, Frankreich eine Vormachtstellung in der geplanten europäischen Verteidigungsgemeinschaft zu sichern. Dieses Bestreben entspringt jedoch weniger einem Führungsanspruch auf dem Kontinent, der vom Volke gar nicht und von der Elite kaum noch empfunden wird, als vielmehr einem Unterlegenheitsgefühl gegenüber dem künftigen deutschen Partner in dieser Gemeinschaft. Da Frankreich es sich nicht mehr zutraut, Deutschland auf industriellem und militärischem Gebiet das Gleichgewicht zu halten, sucht es einen Ausgleich mit politischen und diplomatischen Mitteln zu erlangen.

Jeder Versuch aber, den politischen Einfluß Frankreichs in der Verteidigungsgemeinschaft unabhängig von der Größe seines militärischen Beitrags zu stärken, verstößt gegen den Grundsitz der Gleichberechtigung und führt notwendigerweise zu einer Diskriminierung der übrigen Vertragspartner. Auf diesem Umwege entwickelt Frankreich dann doch einen Führungsanspruch, der dadurch nicht erträglicher wird, daß er nur politischer Art ist und keiner militärischen Leistung entspricht.

Bidault versucht, ein Übergewicht Frankreichs gegenüber Deutschland auf drei Umwegen zu erreichen, einmal innerhalb des kontinentalen Verteidigungsvertrages durch die Zusatzprotokolle, sodann durch die Wiederbelebung der Entente Cordiale mit Hilfe einer britischen Garantie und schließlich im Rahmen der atlantischen Union durch die Bildung eines amerikanisch-englischfranzösischen Führungsgremiums.

Durch die Zusatzprotokolle soll die Stimmenzahl Frankreichs in der höchsten Instanz der europäischen Verteidigungsgemeinschaft, dem Verteidigungskommissariat, stabilisiert werden, unabhängig davon, wie viele von den versprochenen vierzehn Divisionen Frankreich aus der Gemeinschaft nach Übersee abzieht oder gar nicht erst auf dem Kontinent aufstellt, während Deutschlands Stimmgewicht unverändert bleiben soll, auch wenn eines Tages mehr als zwölf Divisionen von ihm verlangt werden müssen. Durch die britische Garantie soll das militärische Gleichgewicht gegenüber Deutschland innerhalb der europäischen Verteidigungsgemeinschaft dadurch gewahrt werden, daß der Ausfall französischer Divisonen auf dem Kontinent durch englische Divisionen ausgeglichen wird.

Mit diesen beiden Forderungen ist Bidault bisher nicht durchgedrungen. Nach dem Verlauf der römischen Konferenz ist es wenig wahrscheinlich, daß die übrigen fünf Partner der Verteidigungsgemeinschaft darin einwilligen, Frankreich das Stimmrecht im Verteidigungskommissariat ungeschmälert zu belassen, wenn es größere Teile seiner integrierten Kontingente aus der Europa-Armee herauszieht. Und nach der englischen Antwort auf das französische Memorandum, das René Mayer und Bidault bei ihrem Besuch in London hinterlassen haben, ist es ausgeschlossen, daß England auch nur das Verbleiben seiner vier Divisionen auf dem Kontinent garantiert, solange es für seine weltweiten Verpflichtungen nur über elf Divisionen verfügt.

Die englische Ablehnung der französischen Garantiewünsche ist jedoch keineswegs endgültig. Sie hängt davon ab, wieweit Amerika sich an einer solchen Garantierung des militärischen Gleichgewichts gegenüber Deutschland auf dem europäischen Kontinent zu beteiligen bereit ist, beziehungsweise, welche anderen Garantien politischer Art Amerika und England gemeinsam Frankreich geben können. Das war eines der Verhandlungsthemen bei dem Besuch Edens in Washington. René Mayer und Bidault hatten nämlich in London vorgeschlagen, den politischen Charakter der Atlantischen Union dadurch zu verstärken, daß neben der höchsten ständigen militärischen Instanz des Atlantikpaktes, der Standing Group, eine entsprechende höchste ständige politische Instanz geschaffen wird. Die Standing Group besteht aus ständigen Vertretern der Stabschefs der drei Westmächte, dem amerikanischen Vizeadmiral Davis, dem britischen Luftmarschall Sir William Elliot und dem französischen General Ely. Sie hat ihren Sitz in Washington, untersteht direkt dem Atlantikrat, dem sie Empfehlungen gibt, und koordiniert die militärischen Pläne der einzelnen Oberkommandos im Atlantik, in Europa, im Ärmelkanal, im Mittelmeer und in Mittelost.

Eine parallele permanente politische Instanz aus ständigen Vertretern der Regierungen Amerikas, Englands und Frankreichs würde praktisch nicht neben, sondern über der rein militärischen Standing Group figurieren. Eden hat diesen französischen Vorschlag nicht ohne Begeisterung aufgenommen und versprochen, ihn in Washington zu vertreten, da er auch den englischen Einfluß im atlantischen Raum und darüber hinaus im Fernen Osten zu stärken geeignet ist. Frankreich hat also mit diesem geschickten Vorschlag einen starken Bundesgenossen gefunden. Frankreich seinerseits würde auf dem Umwege über eine Political Standing Group nicht nur seine Stellung in der Atlantischen Union stärken, sondern sich auch eine Sonderstellung unter den Mitgliedern der europäischen Verteidigungsgemeinschaft schaffen, dank der es einen größeren Einfluß auf die Verwendung der Europa-Armee hätte, die ja nur einen Bestandteil der atlantischen Streitkräfte bildet.

Es ist noch nichts darüber bekannt, wie dieser französische Plan bei dem Besuch Edens in Washington aufgenommen worden ist. Es dürfte aber dort überrascht haben, daß Frankreich seinen politischen Einfluß auf die Weltstrategie genau in dem Augenblick zu verstärken sucht, in dem es seine militärischen Aufgaben in Indochina an Amerika abzugeben sucht. Für Deutschland wird bei dieser Gelegenheit wieder einmal deutlich, daß seine Stellung in all diesen Führungsgremien nicht geklärt ist. Abgesehen von der atlantischen Hierarchie, zu der Deutschland ja nicht gehört, weiß es heute nicht einmal, welchen Platz es in der rein europäischen Hierarchie einnehmen wird, nämlich im Oberkommando der Zentralzone, das der französische Marschall Juin innehat, und in dem übergeordneten Oberkommando Europa unter General Ridgway, das seinerseits der militärischen Standing Group Amerikas, Englands und Frankreichs untersteht und nun nach dem französischen Vorschlag auch noch einer permanenten politischen Instanz dieser drei Mächte unterstellt werden soll. Bei all diesen Unterstellungen scheint uns doch die deutsche Gleichberechtigung ein wenig zu kurz zu kommen. Paul Bourdin