Schon einmal mußte in der Sowjetunion für einen Diktator ein Nachfolger gefunden werden. Das war im Jahre 1924, als Lenin starb. Damals wandte sich der offizielle Aufruf des Politbüros, in dem Lenins Tod verkündet wurde, an die „Arbeiter und Bauern“. Heute heißt die entsprechende Formulierung: „Arbeiter, Kollektivfarmer und intelligentsia.“ In dieser neuen Anrede kommen zwei wesentliche Änderungen zum Ausdruck, die sich in der Aera Stalin vollzogen haben: an die Stelle der bäuerlichen Wirtschaft ist das Kollektiv der Kolchose getreten, und jene totale Unbildung weiter Schichten, die Lenin als Erbe des Zarismus vorfand, ist dank einer – wenn auch einseitigen – Erziehung überwunden.

Noch anderes hat sich gewandelt. Als Lenin starb, gab es keine festgefügte Armee. Die Truppe bestand aus Bauern und Arbeitern, die sich Gewehre umgehängt hatten. Die Kommandeure waren meistens zaristische Offiziere, denen man Kommissare beigegeben hatte, mit denen sie sich nicht vertrugen. Was die Wirtschaft angeht, so hatte Lenin die Neue ökonomische Politik (NEP) eingeführt, die deutlich kapitalistische Züge trug. In der Außenpolitik war der Versuch, Deutschland zu revolutionieren, fehlgeschlagen. Zu allem anderen war die Nationalitätenfrage innerhalb der Sowjetunion noch ungelöst.

Heute ist der Parteiapparat dank ständiger Säuberungen gefestigt. Unter seinen Mitgliedern kann es keine Analphabeten mehr geben; sie alle gehören zur intelligentsia. Heute gibt es eine Armee, die glänzend organisiert und nach dem Siege im zweiten Weltkrieg voller Selbstvertrauen ist. Durch einen straffen Zentralismus ist das Nationalitätenproblem, mindestens äußerlich, gelöst. Die Außenpolitik hat große Erfolge zu verzeichnen. Es gibt ein sowjetrussisches Imperium, zu dem in Europa Polen, Rumänien, Ungarn, Bulgarien, Albanien und die Tschechoslowakei gehören. Im Fernen Osten ist China ein treuer Verbündeter, kämpfen Koreaner und Indochinesen für die Ideale der Sowjetunion. Und in den Vereinten Nationen spielt das gleiche Sowjetrußland, das man 1923 nicht überall ernst nahm, die entscheidende Rolle der einzigen Großmacht, die eine anti-amerikanische Politik treiben kann.

Ist infolgedessen die Übergabe der Macht heute leichter durchzuführen als im Jahre 1923? Es scheint, als sei das Gegenteil der Fall.

Zwar, was das Tempo angeht, so trifft man heute die nötigen Maßnahmen sehr viel schneller. Was nach Lenins Tod Jahre dauerte – die Reform des Machtapparates –, wurde diesmal innerhalb weniger Tage dekretiert. Man einigte sich sehr bald zwischen den rivalisierenden Gruppen, den von Molotow geführten alten Revolutionären aus der Zarenzeit und den jüngeren Apparatschiks unter Malenkow, über die Verteilung der Macht, wobei Molotow auf den dritten Platz hinter Malenkow und den Innenminister und Chef des NKWD, Berija, zurückfiel. Zugleich wurde das Präsidium des Zentralkomitees, das im vergangenen Oktober an die Stelle des Politbüros trat, drastisch von 25 auf 10 Mitglieder vermindert. Daß hier eine der im ganzen Sowjetbereich gefürchteten Säuberungen im Gange ist, dürfte außer Zweifel sein. Daneben handelt es sich offenbar um einen Versuch, die Macht in der Führung, statt wie bisher bei einem einzelnen, nunmehr bei einem kleinen Gremium der zur Zeit stärksten Männer zu konzentrieren. In Zukunft wird man in diesem Führungsgremium, das eigentlich wieder das alte Politbüro ist, bei jeder Entscheidung mit Mehrheiten und Minderheiten rechnen müssen. Und jedesmal wird für die unterliegende Gruppe die Versuchung groß sein, sich dem Beschluß nicht zu fügen, ihn wenigstens im eigenen Machtbereich nicht auszuführen. So trägt diese Konstruktion der höchsten Gremien, nachdem der einzige Mann, der durch seine Persönlichkeit und nur durch seine Persönlichkeit alles Divergierende im Staate zur Einheit zwingen konnte, Stalin, gestorben ist, den Keim des Zerfalls und tödlicher Machtkämpfe in sich. Malenkow, der heute primus inter pares ist, kann Stalins Position nicht einnehmen.

Daß diese Maßnahme jedoch nicht so leicht hingenommen werden wird, wie dies unter Stalin in letzter Zeit bei allen Dekreten der Fall war, darf man wohl mit Sicherheit erwarten. Die Schicht der intelligentsia läßt sich heute nicht mehr einfach beiseiteschieben. Die Aufblähung des Parteiapparates durch Stalin sicherte ihr Aufstiegsmöglichkeiten und einen größeren Einfluß. Mit Befriedigung verzeichnen die Trotzkisten unter der sowjetrussischen Emigration im Westen, die sich selber zur intelligentsia rechnen, daß hier ein Unruheherd entsteht, der dem Kreml gefährlich werden kann.

Eine weitere Gefahr könnte dem noch ungefestigten neuen Regime aus der Armee erwachsen, Stalin hat sie im Zuge des kalten Krieges nicht demobilisiert; infolgedessen stehen noch Millionen unter Waffen. Zwar ist Bulganin, der jetzige Kriegsminister, der neuen Staatsführung ergeben. Wo aber stehen die Generale? Wie denken Mänr.er wie Schukow, Malinowski, Sokolowski, Rokossowski über Malenkow, Berija und Molotow? Welche Ressentiments sind in der Generalität noch von der Tuchatschewski-Krise her lebendig? Bei Lenins Tod gab es keine hohen Offiziere, die einen politischen Einfluß hätten ausüben können. Heute genügt die Tatsache, daß eine Generalität existiert, um jeden Politiker dazu zu zwingen, mit ihr zu rechnen. Und wenn, was anzunehmen ist, zwischen Wehrmacht und Sicherheitstruppen des MWD Differenzen bestehen, dürfte heute die Armee in der stärkeren Position sein.