Was für Erleichterungen verdanken wir dochdem technischen Fortschritt! Was war das doch für eine Strapaze bei den soliden dicken Wänden, die unsere Großväter noch gebaut haben! Und nachher hatte der Horcher an der Wand nicht einmal die Gewißheit, ob er auch richtig verstanden hatte. Da ist der Horcher am Band besser dran. Nicht nur wegen der geringeren Mühe. Mit der Stimme des anderen in der Hosentasche hat er eine fabrikgarantierte Sicherheit für die Zuverlässigkeit seiner Information. Und, anders als der Horcher an der Wand, der nach den moralischen Anschauungen unserer Vorfahren nur die eigene Schand’ gehört hatte, ist er mit seiner erlisteten Kenntnis sogar gesellschaftsfähig. Selbst wenn die Sache mit seiner direkten oder indirekten Hilfe in die Zeitung kommt, soll es, wie man hört, seinem Ruf nicht schaden.

Da lädt ein Chefredakteur mehrere Journalisten in seine Wohnung ein. Es wird gut gegessen und noch besser getrunken. Die Zungen lösen sich. Plötzlich stolpert einer der Gäste über einen dünnen Draht. Die in durchsichtiger Absicht zu kecken Reden animierten Journalisten gehörten dem bürgerlichen wie dem sozialdemokratischen Lager an. Aber es gibt besser getarnte Geräte. Eines wurde kürzlich im Bundeshaus angeboten. Ein Kästchen, nicht größer als ein Buch. Kostenpunkt: 650 DM. Mehrere Abgeordnete sollen ernsthaftes Interesse gezeigt haben. Am Telephon ist man schon lange nicht mehr seiner Zweisamkeit sicher.

Welche Perspektiven eröffnen sich! Der Kavalier, der in beschwingter Stimmung seiner Tänzerin zärtliche Worte ins Ohr flüstert, wird gut tun, zu bedenken, daß ihm seine Liebeserklärung unter sehr ernüchternden Umständen wieder entgegenklingen könnte. Vorsicht im Geschäftskontor! Vielleicht enthält die Armbanduhr des Prokuristen ein Abhörgerät, und der Konkurrent erfährt vorzeitig von deinen Plänen. „Untergang der Menschheit durch schwarze Magie“, warnte hellsichtig, aber in technisch noch zurückgebliebener Zeit Karl Kraus. Der Antrag von Dr. Bucerius und CDU-Fraktion auf Ergänzung des Strafgesetzbuches zum Schutze vor Mißbrauch von Magnetophonbändern, wie das Gesetz ja auch das Briefgeheimnis schützt, ist leider nur allzu aktuell. Wortlaut: „Wer das gesprochene Wort eines anderen ohne dessen Zustimmung durch ein Sprechwiedergabegerät aufnimmt oder eine ohne solche Zustimmung hergestellte Aufnahme gebraucht, wird mit Gefängnis bestraft.“ Aber kann der Strafrichter einer Gesellschaft noch helfen, die solchen Mangel an natürlichem Schamgefühl nicht sofort in spontaner Einmütigkeit mit dem Ausschluß aus ihren Reihen beantwortet? R. St.