Zum 150. Todestag Klopstocks am 14. März

Von Erich Trunz

Am 22. März 1803 bewegte sich durch die Straßen Hamburgs ein Trauerzug, wie ihn die Hansestadt niemals vorher! noch nachher erlebt hat. Klopstocks Sarg, mit schwarzem Samt bedeckt, wurde in langsamer Fahrt durch die Hauptstraßen gefahren. Alle Kirchenglocken läuteten. Die gesamte Bevölkerung, in Trauerkleidung, Blumen in den Händen, bildete Spalier. Dem Sarge folgten der Bürgermeister, alle Senatoren, sämtliche Gesandte und Konsuln fremder Staaten, alle Geistlichen, viele Künstler, Gelehrte und Kaufleute, außerdem eine Ehrenwache der städtischen Miliz. Der Zug ging nach Altona, das damals noch dänisch war. Dort empfingen ihn ein Vertreter des dänischen Königs, hohe Beamte, Generäle und eine Ehrenkompanie. Altonaer Mädchen in weißen Kleidern streuten Blumen. Alle Schiffe im Hafen hatten Trauerflaggen gesetzt. Auf dem Friedhof von Ottensen wurde Klopstock neben seiner jungverstorbenen ersten Frau, Meta Möller, zur Ruhe gebettet, indes die besten Sänger und Sängerinnen Lieder sangen, die er einst gedichtet hatte. Aus ganz Deutschland kamen Zeichen der Anteilnahme.

Keinen Bürgermeister und keinen Kaufmann haben die Hamburger je so geehrt, wie sie diesen Dichter ehrten. Sie wußten, daß sie es der Welt schuldig waren. Mit ihm hatten sie Anteil an der Dichtung Deutschlands und der Welt. Sie wußten, daß eine neue große Zeit deutscher Dichtung gekommen war und daß er den Anfang gemacht hatte. Sie wußten, daß er den höchsten Gegenstand, den die Dichtung haben kann, den Messias, besungen hatte. Klopstock war, als er starb, der angesehenste Dichter Deutschlands. Damals war Goethe noch eine umstrittene Gestalt, Schiller sah man zu sehr von seinen Jugenddramen her, die Romantiker hatten sich noch nicht entfaltet,, und Hölderlin war unbekannt.

Der Sänger des „Messias“

Der 1724 in Quedlinburg geborene Dichter plant mit sechzehn Jahren ein großes Christus-Epos, mit vierundzwanzig Jahren veröffentlicht er die ersten drei Gesänge, mit neunundvierzig Jahren, 1773, schließt er es ab. In der Folgezeit arbeitet er es um. Erst im Jahre 1800, mit sechsundsiebzig Jahren, gibt er eine endgültige Ausgabe. Es ist das erste große deutsche Epos seit dem Mittelalter, verwandt den Bachschen Passionsmusiken, denen, es sich als Ausdruck eines über jede Form hinausgehenden religiösen Gefühls zur Seite stellt, belebt von einem inneren Streben, das nur in der Transzendenz seine Befriedigung findet. Es ist ein durchaus musikalisches Werk. Die Fülle des Geschehens im Himmel, in der Hölle und auf: der Erde, die Verbindung der Hierarchien der Engel und der Teufel mit dem modernen Weltraumbild ist nicht immer bildhaft anschaulich, aber immer sind die Gefühle und Stimmungen deutlich, die Musik der Seele. Und das hat die Zeitgenossen entzückt: die Verbindung des alten heiligen Stoffes mit der neuzeitlichen Innerlichkeit. Hier, war für die empfindsamen Menschen des achtzehnten Jahrhunderts eine neue innerste Beziehung zu dem biblischen Geschehen geschaffen.

Der Erfolg des Werkes war ungeheuer, bei Protestanten wie bei Katholiken. Mit diesem Epos wurde Klopstock ein Dichter, den man in ganz Deutschland verehrte, in Wien ebenso wie in Hamburg; und damit wirkte er wesentlich mit zu dem Zusammenschluß der getrennten. Kulturprovinzen, der grundlegend war für die gesamte Kunstentfaltung der Goethezeit.