Haben die Eingeborenen Afrikas eine Geschichte? Selbst unsere heutigen Historiker von Fach werden in Verlegenheit kommen, wenn man ihnen diese Frage stellt. Der Europäer weiß, daß Asien große alte Kulturen hat, daß Amerika vor Columbus eine Reihe von Hochkulturen erlebte – die schwarzen Afrikaner kennt er nur als die ganz anderen, die Wilden, die Naturkinder. Und wirklich: wie Morus in seiner „Geschichte der Tiere“ zeigen konnte, daß die Tiere in der Geschichte der Menschheit die Rolle eines Kulturrohstoffs gespielt haben, an dem der Mensch seine Fähigkeit, die Natur zu zähmen und in seine Dienste zu nehmen, erprobte, so ließe sich auch eine „Geschichte der Schwarzen“ schreiben, in der erzählt würde, wie die dunkelhäutigen Afrikaner für den abendländischen Menschen (der sich ja bis in unsere Tage naiv mit dem Menschen überhaupt gleichgesetzte) immer nur Materie, „Material“, waren: als Sklaven, als Schauobjekte, als Grubenarbeiter, als Lastträger, aber auch als Rohstoff für die Exerzierkünste von Offizieren, Missionaren und Lehrern. Der schwarze Soldat, der schwarze Konfirmand, der schwarze Regeldetri-Rechner –, auch sie waren Beweise für das Organisationstalent der weißen Rasse und schienen nur auf der Welt, um deren Überlegenheit zu bestätigen. Selbst die Entdeckung der „Negerkunst“ (etwa der Bronzen von Benin und der farbigen Holzfetische von Ostafrika) hatte nur die Wirkung, daß die europäischen Snobs den Afrikaner wegen seiner Primitivität und geschichtslosen Urtümlichkeit zu rühmen begannen.

So schien die Frage absurd, ob etwa die Neger auch ohne Berührung mit den Europäern etwas anderes hätten werden können als bloße „Naturvölker“ (wie man so gönnerhaft sagte), und gar die Beschäftigung mit der afrikanischen Geschichte der Zeiten vor der Europäisierung des „schwarzen Erdteils“ schien ein sinnloses Hobby, weil es ja solche Geschichte einfach garnicht geben durfte, wenn wirklich der Neger nichts war als ein Natur-

kind und darum bestenfalls ein Studienobjekt für Völkerkunde und Sprachforschung. Und so kommt es, daß erst in diesen Wochen zum erstenmal ein Buch erscheint, das die Frage nach der Geschichte der Afrikaner stellt und beantwortet – ein Buch, dessen Verfasser seit fünfzig Jahren in entsagender Einsamkeit innerhalb der Fachhistorie nur „Afrikanistik“ getrieben hat, weil er das europäische Vorurteil nicht ungeprüft hinnehmen mochte: (Diedrich Westermann, „Geschichte Afrikas. Staatenbildungen südlich der Sahara“. Greven-Verlag, Köln, 492 S., 20 Kartenskizzen, 58 Abbildungen). Westermanns großes Werk schließt die europäische Besiedlung Afrikas von seinem Programm aus. Aber gerade dadurch ist es von brennender Aktualität – weil Afrika lodert und weil nur derjenige eine Diagnose stellen kann, der sich einen Begriff macht, was die Schwarzen von sich aus in die kommende Auseinandersetzung mitbringen. Denn daß sie nicht einfach gefügige Schreibtafeln waren, auf die der Europäer seine Zeichen machte – das eben beweist der heute sich anmeldende „Rückstoß Afrikas“.

Die Afrikaner sind, solange sie unter sich waren, schriftlose Menschen gewesen. Folgt daraus, daß sie nichts über die Herkunft ihres Stammes und seine Schicksale wissen? Solche Folgerung ist typischer Europäer-Hochmut gegenüber Analphabeten. Afrika ist ein „mündlicher Kontinent“, aber wie es dort keinen Eingeborenen gibt, der nicht die Namen seiner Vorfahren in vielen Generationen im Kopf hat, so gibt es keinen Stamm, der nicht wüßte, welcher Häuptling der Vorzeit ihn an die heutigen Wohnsitze geführt hat und was die vielen Nachfolger dieses Häuptlings taten. Eine Zählung der Zeit nach Jahren ist zwar in Afrika unbekannt, aber auch nach Ahnen läßt sich die Zeit rechnen, und wer von den Ahnen zuverlässig überlieferte Kunde hat. lebt nicht geschichtslos.

Am wichtigsten für das Verständnis des Afrikaners ist aber wohl die Tatsache, daß es viele solcher Reiche in Afrika gab, bis die Europäer kamen. Die Gründung einer größeren Herrschaft setzt Persönlichkeiten voraus, die den Durchschnitt weit überragen und Autorität haben. Wären die Schwarzen wirklich nur eine Masse gleichwertiger Naturkinder, so wären weder die Reichsgründungen möglich gewesen noch das Übernehmen auswärtiger Kulturgüter.

Hier nun führt Westermanns genaue Beschreibung auf das Paradox Afrikas, das den Erdteil so unvergleichbar etwa mit Asien macht: prüft man die Herkunft der menschlichen Zivilisation, etwa der Nutzpflanzen, der Haustiere, der Werkzeuge, der Geschicklichkeiten, so führt an keiner Stelle eine Spur auf afrikanischen Ursprung. Die Völker und Rassen Afrikas haben weder eine Pflanze zuerst angebaut, noch ein Tier zuerst gezähmt, noch ein Werkzeug zuerst gebaut, noch eine Kriegstaktik oder ein Zeremoniell zuerst ersonnen. Sie sind ganz ohne Originalität, und alles – von der Hirse Bis zur Königskrönung – mußte ihnen erst gebracht werden. Aber sie haben es sich bringen lassen, sie waren gelehrige Schüler der Ägypter, der Araber, der Berber, der Perser, der Inder, später der Portugiesen – wie sie heute in Afrika und Amerika die gelehrigen Schüler der Abendländer sind. Und es fand sich immer einer von ihnen, der es ihnen brachte, einer aus der schwarzen Elite, ein Machtlustiger, der Freude am Neuen und am Glanz hatte, ein Despot und Wohltäter wider Willen vielleicht, aber ein Herr und Gebieter von magischer Ausstrahlung. Einige Dutzend gewaltiger Namen bewahrt das afrikanische Bewußtsein bis heute auf – Namen von schwarzen Männern, die es an Weitblick, an Staatskunst, an kultureller Initiative mit so manchem europäischen Herrscher getrost aufnehmen können, dessen Regierungszeiten und Siege die europäischen Schüler auswendig lernen müssen.

Allerdings: eine Expansion über Afrika hinaus hat keiner dieser großen schwarzen Könige jemals geplant oder gar versucht. Das über alle Grenzen Drängende, das Dynamische, womit Europa das Gesicht der modernen Welt bestimmt hat – von ihm ist in Afrika nichts zu spüren gewesen. Wenn Ungenügsamkeit des Geistes es ist, was die Weltgeschichte in Bewegung hält, so war Afrika ungeschichtlich, bis es – ohne eigenes Zutun – zum Mitspieler gemacht wurde. Das heißt aber nicht, daß es fortan ein bloß passiver Mitspieler bleiben müßte. C. E. L.