Ein Kapitel Philosophie über ein politisches Thema

Von Johannes Gaitanis

Eintönige Litanei unserer Untergangsapostel: der Westen sei dem Osten unterlegen; denn nicht wie dieser gebiete er über eine mitreißende Idee, an der sich die Jugend und die Massen zu selbstloser Hingabe entflammen – was not tue, sei eine neue Idee, sie allein vermöge den zündenden Funken aus uns zu schlagen. – An diesem Satz ist alles falsch.

Zunächst: Die „Bewegungen“ verfügen immer nur über zahlenmäßig sehr kleine Überzeugungskader – selbst jeweils nach der Machtübernahme noch. Hinter der glanzvollen Einheitsfassade setzen sich die Massen der Anhänger aus einem Mitläufertum zusammen, das von der Mathematik der Angst oder des Opportunismus gesteuert wird oder im Mangel eigener Willenssubstanz sich widerstandslos dem Griff von außen überläßt; nicht wenige, die solchen Motiven im Widerspruch zu sich selber erliegen, steigern sich in eine betäubende Gläubigkeit hinein, mit der sie die eigene innere Stimme zudecken.

Jene Voraussetzung stimmt also nicht: Nicht der „Idee“ danken die „Bewegungen“ ihre breite Durchschlagskraft, sondern der Perfektionierung von Terror und Propaganda. Mit der inneren Dynamik ihrer „Idee“ kann es so weit nicht her sein, wenn sie zu Sieg und Selbstbehauptung die Geheimpolizei und das Konzentrationslager, brutalste Gewalt und bewußte Täuschung nötig hat. Die äußere Dynamik aber, die vor keiner sittlichen Schranke haltmacht, ist noch kein Kriterium für die Echtheit und Vitalität einer Idee; nicht immer bezeugt Bewegtheit motorische Stärke, häufiger ist sie das Ergebnis versagender Bremsen.

Was aber die wahren Gläubigen betrifft, sie sind dort nicht zahlreicher als hier die für unsere Sache.

Der Schrei nach der Idee ist zudem das Opfer einer Begriffsverwirrung. Der Kommunismus ist nicht eine „Idee“, sondern eine „Ideologie“. Sie unterscheidet sich von der Idee wie der Mechanismus vom Organismus.