Daß in Deutschland, dessen Filmproduzenten von Unglück und Talentlosigkeit geschlagen zu sein scheinen, bessere Filme hergestellt werden sollten, sagen alle. Die Bundesregierung sagt es und leistet Ausfallbürgschaften; katholische Kulturpolitiker sagen es und stellten (auf einem Diözesan-Filmtag in Fulda) fest, es müßte Aufgabe der katholischen „Filmbüros“ sein, eine eigene Produktion, einen eigenen Verleih, eine eigene „Abspielbasis“ zu organisieren; leider, so hieß es in Fulda, fehle vorerst das Kapital. Inzwischen hat aber der Deutsche Gewerkschaftsbund auf dem Wege, eine Filmmacht zu werden, die erste Station erreicht: Das in Hamburg entstandene „Norddeutsche Filmkontor – Stammkapital: 2,4 Mill. DM – wird von der Hamburgischen Landesbank, der Niedersächsischen Landesbank, der Braunschweigischen Staatsbank und von den Gewerkschaftsbanken finanziert. Es sind dies: die Bank für Gemeinwirtschaft in Düsseldorf, die Bank für Gemeinwirtschaft in Hamburg und die Niedersächsische Bank für Wirtschaft und Arbeit in Hannover. Das Land Niedersachsen und der Stadtstaat Hamburg haben sich zu Ausfallbürgschaften in Höhe von je 3,6 Mill. DM verpflichtet, so daß das Finanzierungsvolumen insgesamt 9,6 Mill. DM beträgt. Mit diesen Mitteln sollen jährlich etwa 15 Filme finanziert werden. Dadurch würden die Ateliers in Hamburg, im Heidedorf Bendestorf und in Göttingen kontinuierlich ausgenutzt –, ein Plan, an dem naturgemäß die Länder Niedersachsen und Hamburg Interesse haben. Welche Interessen aber verfolgt der Deutsche Gewerkschaftsbund, wenn er das Geld der DGB-Mitglieder millionenweise für den Film ausgibt?

Die Antwort auf die Frage klingt in dem Hinweis auf, daß ja auch „filmfremde“ Industrielle Filme finanziert hätten und weiter finanzieren würden. Vor allem gälte es, Plänen der Bundesregierung zuvorzukommen, die sich in die Filmwirtschaft einschalten wolle. So werden wir nächstens Bildstreifen in den Kinotheatern sehen, die alle aus irgendwelchen offiziell, offiziös und organisatorisch beeinflußten Retorten stammen. Daß dies keine künstlerische Beeinflussung sein wird, ist klar. Es wird eine politische Beeinflussung sein. Denn die filmfreundlichen Gewerkschaftskreise weisen nicht etwa (wie die katholischen Filmfreunde) darauf hin, daß dem Film eine moralische und ethische Kraft innewohne, die es zu wecken und zu fördern gälte, sondern sie wiederholen die oft und immer mit politischem Atemzug zitierten Worte: Der Film sei – wie die Zeitung, wie der Funk – ein hervorragendes Instrument, die Massen zu beeinflussen.

Nun gibt es in führenden Gewerkschaftskreisen freilich auch Stimmen, die folgendermaßen und – wie es uns scheint – sehr richtig argumentieren: die Gewerkschaften sind zu reich; daher die Filminteressen! Senkt die Mitgliederbeiträge, wenn denn zu viel Geld in den Kassen ist! Ein Spötter meinte sogar, man solle zu einem Streik aufrufen: „Besser das Geld verstreikt als verfilmt! Der DGB als Film-Mäzen? Was sollen diese Reiche-Leute-Allüren!“ Das flüssige Gewerkschaftskapital sei als „Kampfmittel“ gedacht und müsse in Reserve bleiben. Und wenn durch Kapitalmacht Einfluß genommen werden solle, dann immer noch besser im sozialen Wohnungsbau als in der Filmindustrie.

Freilich, im Wohnungsbau steckt ja bereits Gewerkschaftskapital: Die Wohnungen sind dadurch zwar billiger, aber nicht schöner geworden. Wenn dies nun auch ein Stilprinzip der gewerkschaftlich-beeinflußten Film-Produktion sein sollte – arme deutsche Filmkunst!

Wahrhaft, unsere Filmproduktion, bisher schon von Unglück und Ideenlosigkeit geschlagen, muß auf neues Unheil gefaßt sein. Erst recht der Filmbesucher, den alle als einen Menschen der Masse beeinflussen, lenken, führen möchten und dem schon geholfen würde, gäbe man ihm nur gute Filme, die Persönlichkeitskräfte ausstrahlen, nicht der Gewerkschaft, sondern der Kunst, die immer noch am besten in der Freiheit gedeiht. J. M.