II. Orgien des Sieges – Erlebnisse einer Frau in der Sowjetzone / Von ***

Alles, was hier erzählt wird, ist geschehen. Schicksale, Ereignisse, Gestalten und Gespräche sind wahr. Nur die Namen der Orte und Personen mußten geändert werden, um diejenigen nicht zu gefährden, die noch heute in dem kleinen Orte jenseits der Elbe leben, und ebenso manchen Russen, der in seine Heimat zurückkehren mußte. Der Bericht beginnt mit dem 3. Mai 1945, dem Tage, an dem das ostelbische Industriedorf unter die Herrschaft der Russen geriet. Demontage des Werkes. Und dann unsägliche Mühen zum Wiederaufbau der Fabrik. Als die Maschinen nach vier schweren Jahren wieder anliefen, mußten die Menschen, die die Arbeit geleistet hatten, ihre Heimat verlassen. Als sie in den Westen Deutschlands kamen, sagten die guten Freunde zu ihnen: „Warum kommt Ihr erst jetzt? Ihr kommt zu spät, viel zu spät!“ Daß sie für den Westen zu spät kamen, sollten sie selber bald spüren. Für die Schicksalsgemeinschaft, die sie verlassen mußten, hatten sie keine Stunde früher gehen können. – Der Anfang des Berichts in der vorigen Ausgabe der „ZEIT“ schloß damit, daß ein russischer Sergeant zur Verfasserin sagte: „Kind weg mit Transport. Kinder alle Transport Rußland. Geh hinten in Dorf ...

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Meine Hände packen Philipp. Ich stürze ins Kinderzimmer, ein Jäckchen zu holen, stürze hinunter, nur hinaus aus dem Haus. Draußen regnet es. Ich setze Philipp in den Kinderwagen. Werde ich es schaffen, mit beiden Kindern zum amerikanisch besetzten Ufer herüberzukommen? Wir müßten schwimmen...

Die Straße ist leer. Die ganze Welt ist leer. Hinter der Regenwand ist das Nichts.

Wo ist nur Thomas? Ich muß versuchen, bis zur Fabrik durchzukommen. Meine Schwester war mit ihrer Freundin und Hannes schon vor mir angstgehetzt auf die Straße gelaufen; nun sind sie wie vom Erdboden verschluckt.

Ich schaue mich ratlos um. Da hockt Hannes klein und still an der Mauer des Nachbarhauses. Ich rufe ihn, frage, er zeigt stumm auf das Haus. Im selben Moment stürzen schon die Mädchen auf die Straße heraus, mit gesträubten Haaren. Wer hatte sie da hereingezerrt? Was war geschehen? Sie rennen vor mir die Dorfstraße herauf; mühsam nur schiebe ich die Räder des Kinderwagens durch den aufgeweichten Straßenschlamm.