Dieses Buch hat einen „Duft“, ein wei – um mit dem feinsten Lob der Chinesen zu sprechen –, es gibt köstlichen Nachgeschmack wie eine Schale Tee. Es ist eines der Bücher, von denen Lin Yutang sagt: „Man nimmt sich seinen biegsamen Band und geht hinaus ans Flußufer, um dort zu lesen. Wenn am Himmel gerade schöne Wolkenschiffe vorübertreiben, so kann man getrost auch in den Wolken lesen und das Buch beiseite legen, oder man lese im Buch und in der Wolke zugleich.“ Zugleich –: schöne Wolken, Natur und Kunst, so ziehen auch die Seiten vorbei, ein Himmel voll Poesie; Gedichte stehen darauf, Gedichte der Völker Asiens vom Nahen bis zum Fernen Osten, lyrische Zeugnisse aus vier Jahrtausenden. Dieses Buch heißt Lyrik des Ostens, und es ist mehr als nur eine Neuerscheinung auf dem Büchermarkt –, es ist ein Geschenk. Der Münchener Verleger Carl Hanser– er hat sich mit gleicher Sorgfalt auch schon der „Lyrik des Abendlandes“ angenommen – schenkte es allen, die in Verse verliebt und dem Osten verfallen sind.

Die Bewunderer Klabunds, dieses genialen Fälschers chinesischer Lyrik, und seiner aus anderen Sprachen „nachdichtenden“ Mitschuldigen seien gewarnt: ihre Meister bedeuten nichts mehr, sie sind entlarvt. „Keine Übersetzungen, sondern Nachdichtungen. Aus dem Geist heraus. Intuition. Wiederaufbau“ – diese Worte Klabunds sind in „Lyrik des Ostens“ durchgestrichen. Hier gilt die genaue Umkehrung: keine Nachdichtungen, sondern Übersetzungen, aus der Sprache heraus. Und das, die Skeptiker überraschende, Resultat ist: Lyrik; das scheint um so erstaunlicher, als die Hälfte der vorgelegten Gedichte zum erstenmal ins Deutsche gebracht wurde ( so daß es kein Vorbild gab). Man muß sich die Namen wenigstens einiger dieser Übersetzer, nicht minderer Poeten als Philologen, merken: Günter Eich – nun, man kennt ihn längst als Dichter. Jetzt sieht man, daß er Chinesisch studiert hat; der Göttinger Dozent für Sinologie Peter Olbricht indes übersetzt besser – und schöner. Ihn erreicht nicht ganz die Marburger Orientalistin Annemarie Schimmel mit ihren Übertragungen der Hebräer, Araber und Perser; der Japanologe Wilhelm Gundert hingegen zeigt in vielen Gedichten Meisterschaft des Stils.

Der Namen wären noch viele –, daß nur Könner herangezogen wurden, ist den Herausgebern zu danken: Gundert (für China und Japan), dem Hamburger Professor Walther Schubring (Indien) und Annemarie Schimmel (für den Vorderen Orien), nicht zuletzt auch dem Redakteur Herbert G. Göpfert. Noch weniger als die Vielfalt der Übersetzer läßt sich die glanzvolle Sammlung der Dichter und Verse erschöpfen; alle sprechen, die je den sanften Bogen einer Augenbraue, den Schimmer eines Sees im Abendlicht, die je Trauer um den fernen Geliebten und eine fromme Bitte an die Gottheit in Worte, wie Wolken natürlich und schön, gefaßt haben – die Li T’ai-po und Tu Fu, Chinas Genien, Indiens kunstfertiger Kalidasa und die Rhapsoden des Mahabharata, aus Persien der epikuräische Zeltmacher Omar und Hafis, der stets Doppelsinnige, die Dichter der Hebräer, der Ägypter, der Japaner... viele längst Vertraute und noch mehr Unbekannte, neue Freunde. Eberhard P. Michalek