Bonn, Anfang März

Der Bonner Intendant Dr. Pempelfort stellte einen Epigonen des katholischen Universalgenies Claudel – den 43jährigen Franzosen Thierry Maulnier, mit dessen zweitem Stück „Ein Feind Gottes“ („Le Profanateur“) im Bonner Theater vor.

In Paris soll man auf den Gedanken gekommen sein, Maulnier wäre ein ideologischer Parteigänger von Sartre und Cocteau. Dieses öffentliche Mißverständnis ist bezeichnend für den Dichter, der ansonsten ein kluger Theaterkritiker ist. Er hat sein Wissen um die Poetik von Racine bis Giraudoux zusammengenommen. Während aber der Kritiker Lessing mit Hebeln und mit Pressen dramaturgisch stimmende Theaterstücke auf die Bühne brachte, hat sich der Kritiker Maulnier als dramatischer Autor offenbar übernommen.

Die Fabel, die im 13. Jahrhundert während eines Aufstandes der Lombardei gegen den Kaiser spielt, bleibt Staffage. Der kaiserliche Feldherr Wilfried von Montferrat steht synonym für den schillernden Hohenstaufen Friedrich II., der als prächtige Individualität die Neuzeit eröffnet. In der Sicht Maulniers ist er der Antichrist der Kirche. Als Mann aber versteht Wilfried so zu faszinieren, daß ihm als frühem Condottiere nicht nur die Truppen anhängen, sondern auch die Frauen seiner Gegner zufallen. Die eine bietet ihm ihren Körper an, die andere will die Seele um den Preis der Hingabe erlösen. Der Don Juan hat für jede das passende Vokabular. Aber Benvenuta, das Symbol des mantuanischen Widerstandes, kommt weder dazu, die ihr von den kirchlichen Patrioten zugedachte Judith-Rolle noch die Funktion einer romantischen Erlösung für den einsamen Mann zu übernehmen. Der will partout nicht gerettet werden. Er rennt förmlich in die Hölle, die ihm nach einem zweckgeheiligten Wortbruch von christlichen Dolchen auch geöffnet wird. Es geht, ihm nichts über seine persönliche Freiheit, eine schöne Abendstimmung und saubere Architektur. Caligula im Taschenformat, aber merkwürdig sympathisch, wenn er auf der Bühne steht.

Maulnier ist offensichtlich ein Ideologe des Renouveau catholique. Er will aber auch so lebenswahr und weltoffen sein, wie der große Claudel. Dramaturgisch reichlich leichtsinnig, macht er also zu seinem Sinnträger den Gegenspieler und mischt mit psychologischer Objektivität soviele menschliche, allzu menschliche Züge auch dieser Figur bei, daß naive Gemüter allerdings verwirrt werden müssen. Zwar reden alle Personen sehr hochtönend und sprechen deutlich oft auch ihre Schwächen aus. Aber lebendig auf der Bühne durch einfaches Sein wirkt nur der Zynismus des Gottesfeindes. Der Rest, vor allem die christliche Ideologie, ist dialogische Schönrederei, wo Lebenswahrheit gemeint war.

Diese Gewichtsverschiebung wurde durch die Aufführung in Bonn noch erweitert. Die tragische Erschütterung mußte ausbleiben, denn Pempelforts Inszenierung hatte die stärkste Schauspielerpersönlichkeit, den Kölner Gast Werner Hessenland, für die Titelrolle aufgeboten, während der christliche Gegenspieler (Hans Otto Ball) aus Papier kein Leben machen konnte. Jacobi