Der Artikel „Ärzte und Funktionäre“, der am 22. Januar in der „ZEIT“ erschienen ist, hat sowohl bei den ärztlichen Organisationen wie auch bei den Ärzten ein sehr lebhaftes Echo gefunden. Die ärztlichen Organisationen haben in mehrfachen Zuschriften sich insbesondere dagegen verwahrt, daß die in den ärztlichen Berufsverbänden haupt- oder nebenamtlich tätigen Ärzte als „Funktionäre“ bezeichnet worden sind. Zu dieser Frage haben sich auch Ärzte verschiedentlich mündlich und schriftlich geäußert. Wir geben einige von diesen Zuschriften wieder, möchten aber vorher folgendes feststellen: Der Bezeichnung „Funktionär“ wohnt gewiß weder ein positives, noch ein negatives moralisches Element inne. Der Begriff des Funktionärs und seine Wirksamkeit im modernen Leben ist uns vor allem soziologisch interessant, und zwar nicht nur im Berufsstand der Ärzte, der nur beispielsweise in dem erwähnten Artikel betrachtet worden ist. Niemand wird erwarten, daß der Begriff des Funktionärs ohne weiteres definiert werden könnte. Trotzdem möchten wir eine Andeutung in dieser Richtung versuchen. So könnte man unter einem Funktionär etwa das Mitglied einer Gemeinschaft verstehen, das nicht mehr im normalen Produktionsprozeß wie die anderen Mitglieder steht, sondern von der Gemeinschaft mit der Wahrung ihrer gesamten oder eines Teiles ihrer Interessen beauftragt ist. Dies unter der Bedingung, daß sein eigenes Interesse (Einkommen, Vorliebe, Steckenpferd) zum größeren Teil mit dieser neuen Tätigkeit verbunden ist und nur zum kleinen Teil mit seiner alten Tätigkeit, also etwa mit der weiteren Ausübung des Berufs, in dem er ursprünglich an dem Produktionsprozeß teilgenommen hat. – Wir lassen hier einige der erwähnten Zuschriften folgen.

Jedes Zeitalter schafft sich seine Begriffe, und es ist nicht verwunderlich, daß im gegenwärtigen Zeitalter der Vermassung, der Ausweitung jedes menschlich-organisatorischen Gebildes, das „Funktionärstum“ zu einem Ordnungsbegriff an sich geworden ist. Und trotzdem liegt in der Formulierung des Begriffes „Ärzte und Funktionäre“ ein Widerspruch, wenn man nicht jeden als Funktionär betrachtet, der irgendeine Funktion ausübt. Der junge Mediziner unterzieht sich dem langwierigsten, teuersten Studium mit den schlechtesten Berufsaussichten ja nicht, um Verwaltungsbeamter zu werden, sondern aus einer ganz individuellen, idealen Berufung heraus. Aber die Ärzteschaft kann ebensowenig wie andere große Berufsstände auf Organisationen verzichten. Diese Organisationen entstanden zum Teil aus staatlichem Zwang, zum anderen Teil aus freiwilligem Zusammenschluß. Erstere sind Verwaltungsstellen großen Ausmaßes geworden und die zweiten Zweckgemeinschaften, die sich mit aller Leidenschaft, die dem Arzttum innewohnt, dagegen wehren, da? ideale Arzttum der Vermassung und Sozialisierung preiszugeben. Zu Organisationen gehören aber Männer, die sie führen. Und diese Männer müssen schon, wenn es sich um die ärztlichen Organisationen handelt, Ärzte sein. Nicht viele sind gewillt, und noch weniger sind geeignet, Führer ihres Berufsstandes zu werden. Denn diese Ämter müssen sie neben ihrer Praxis ausüben, und sie werden dafür, bis auf die notwendigen Aufwandskosten, nicht bezahlt. Sie bringen also ihren Berufsgencssen ein echtes Opfer. Von 66 000 Ärzten des westdeutschen Bundesgebietes sind es deshalb auch nur einige Hundert. Sie üben Funktionen aus, aber wer wollte sagen, daß sie „Funktionäre“ sind?

Solange der ärztliche Berufsstand nicht überfüllt war wie heute, war es schwer, solche „Funktionäre“ zu finden. Heute, im Zeitalter der finanziellen Not des Arztes, deren Ursache in der Überfüllung des Berufsstandes, in der Reformbedürftigkeit der Sozialversicherung, überholter Gebührenordnungen und überhaupt der Unterbezahlung der geistigen Leistung liegen, blickt mancher der vielen jungen Ärzte, die sich mühsam eine Existenz aufbauen, mit gewissem Neid auf die hauptamtlichen Kollegen in der Organisation. Aber der Wunsch, selbst „Funktionär“ zu werden, würde zu der Einsicht führen, daß der hauptamtliche Organisationsarzt aus großer persönlicher Erfahrung erwachsende Voraussetzungen mitbringen muß, die ein solcher Posten verlangt. Wie leicht ist dann dieser oder jener verstimmt und zur Opposition und zur Kritik geneigt, weil an ihn kein Ruf zur Mitarbeit ergeht.

Darin liegt die Quelle des Übels: Die wirtschaftliche Not, der Kampf um die eigene Existenz läßt leicht jede Organisation, der man angehört oder angehören muß, zur Zielscheibe der Kritik werden. Aber wem ist damit gedient? Das Organisationsleben verlangt ehrenamtliche oder hauptamtliche Mitarbeit; ohne sie müßte es zusammenbrechen. Und sollen diejenigen, die seit Jahren unter Verzicht auf ihren eigentlichen Beruf begannen, für die Gesamtärzteschaft zu arbeiten, heute durch andere ersetzt werden? Es wäre nur ein Wechsel der Personen und nicht in der Sache.

Der Artikel der „Zeit“ bezeichnete die Pressestellen der Ärzteschaft als Selbstzweck mit dem Ziel, auf die Ärzte selbst Einfluß zu gewinnen, um das Korps der Funktionäre und leitenden Angestellten zu stabilisieren. Wenn eine Dienststelle der ärztlichen Organisationen einen solchen Vorwurf nicht verdient hat, so allein die Pressestellen. Die Pressestellen der Ärzteschaft sind Einrichtungen sowohl der öffentlich-rechtlichen Körperschaften als auch der freien Verbände. Sie sind also Sprecher der Gesamtärzteschaft und vertreten deren Interessen nach außen. Sie dienen überdies als Vermittler zwischen den großen medizinischen Gesellschaften, den Kongressen und der Presse. Von Selbstzweck kann also nicht gesprochen werden.

Die freien geistigen Berufe in ihrer Gesamtheit kämpfen einen viel zu schweren Kampf im Zeitalter der Masse, der Bürokratie, des Rentnertums, als daß man sie behindern sollte. Das aber geschieht, wenn man die Gesamtärzteschaft und die wenigen, die sich zu ihrer berufspolitischen Führung ehrenamtlich oder hauptamtlich bereit finden, spalten will. Pressestelle der

Norddeutschen Ärzteschaft, Hamburg