Wir sahen:

... nicht die große Berliner Veranstaltung zugunsten der Flüchtlinge aus der Sowjetzone, denn in diesen Tagen, wo die Luftbrücke vom Westen nach Berlin eingerichtet werden soll, mußte die Fernsehbrücke von Berlin nach dem Westen repariert werden...

... den großen Pantomimen Marcel Marceau vor der Fernsehkamera die Elemente seiner Kunst demonstrieren und selbst, in charmantem Deutsch, erklären: das Gehen gegen den Wind, das Tauziehen mit unsichtbarem Tau, das Treppensteigen auf einer imaginären Treppe, das Schmecken von salzig und süß. Sein Kollege Gilles Ségon führte die kleine Szene vom Uhrmacher vor, der (ganz ohne Uhr) Freuden und Leiden der Präzisionsarbeit erlebt.

Wir hörten:

Bei der zweiten, Berliner, Kundgebung „SOS – Menschen in Not“ (NWDR) wurde die Spendensumme von einer Million schon vor der Pause überschritten –, ein Zeichen, wie sehr der Funk die Hilfsbereitschaft für die Opfer des sowjetischen Systems zu mobilisieren vermag. Kleine Mädchen spendeten ihre Puppen, Adoptiveltern boten sich an, Ferienplätze wurden versprochen. Am Mikrophon überzeugte Alfred Braun (zum erstenmal wieder Sprecher für alle) die Millionen am Rundfunkgerät davon, daß dies nicht „selbstmörderische Humanität“ sei, sondern daß es vielmehr Selbstmord wäre, wenn man den Eisernen Vorhang herunterließe, wie es die „Cubisten“ vorgeschlagen haben. Der Conférencier Wolfgang Neuß, der bei jeder Pointe auf die Pauke schlägt, ging in der Abwehr sogar noch einen Schritt weiter und sagte: „Bisher hatten die Russen nur ein Funkhaus im Westen, das an der Masurenallee; jetzt haben sie auch eins in München...“ Kurzum – Berlin zeigte, daß es mit scharfem Witz sich selbst zu verteidigen weiß. Klaus Günther Neumann als „klavierender Bürgermeister des Bundesdorfs Berlin“, Tatjana Sais in dem Song „Der Kummerkasten“ vom Gatten Günther Neumann, und manche anderen, ließen es an Wahrheiten gegenüber westlicher Säumigkeit nicht fehlen.

Wohl noch nie war so viel Gelegenheit, den Jazz und die Jazz-Fans aus erster Hand zu studieren wie in diesen Wochen: der NWDR hat eine Sendereihe „Das Raritätenkabinett“ eingerichtet, in der Besitzer seltener und charakteristischer Jazzplatten ihre Schätze selbst vor dem Mikrophon erläutern. Da kann man von ganz ungewohnten Sprechern in deutlich niederdeutsch gefärbter Aussprache etwas über „authentische Kollektivimprovisation“, über „intellektuelle Kadenzen“ und dergleichen Geheimbegriffe erfahren. Trotzdem – die Liebe zu dieser Sache ist doch auch Liebe zur Musik. Und wenn man dann die vom NWDR auf Band genommenen Herrlichkeiten des „Jazz at the Philharmonie“ (vergleiche die „Zeit“ Nr. 10) hört, versteht man nur schwer, wieso es unter musikalischen Menschen auch solche geben kann, die vom Jazz nichts wissen wollen.

Wir werden sehen: