W. D., Ostzone, im März

Sie haben es nicht leicht, die Leute in der Nieder- und Oberlausitz, seitdem sie als sogenannte Sorben vor fünf Jahren auf Wunsch Moskaus die kulturelle Autonomie erhielten. Zunächst merkten sie nicht, daß sie, statt Deutsche zu bleiben, plötzlich Sorben waren. Aber anno 1953 wurden die deutschen Schulen durch sorbische oder wendische ersetzt. Dabei ging es nicht ohne Zwischenfälle ab, da die Eltern ihre Kinder nicht sorbisch erziehen lassen wollen, wenn vielleicht auch in der Familie irgendein Urahn Wende war. Im Städtchen Lohsa an der Kleinen Spree – nach der Umbenennung ins Sorbische „Latz“ genannt – kam es gegenüber der Domowina-Kommission (der von der SED geleiteten nationalistischen Sorben-Organisation) sogar zu Tätlichkeiten. Trotzdem wurde das Schulgebäude versiegelt; die Kinder sollten bis zur Eröffnung der sorbischen Unterrichtsstätte zu Hause bleiben. Die Domowina-Leute meldeten den Vorfall der SSD-Zentrale in Bautzen; prompt wurde die Verhaftung der Rädelsführer angeordnet.

Es wird wohl immer ein Geheimnis bleiben, wieso das Verhaftungskommando in Bautzen die falschen Listen mitbekam. Es wurden nämlich nicht die Rebellen auf die Lastkraftwagen geladen, sondern die Funktionäre der Partei und der Domowina, 47 Mannsbilder an der Zahl. Niemand wagte Widerstand; denn welcher Funktionär rechnet nicht im Stillen mit der Säuberung!

Kaum, daß die Funktionäre verschwunden waren, trommelte ein frischangekommener SED-Funktionär die Leute zu einer Kundgebung auf dem Schulhof zusammen. „Genossen und Mitbürger“, brüllte er, „die Agenten und Verräter sehen ihrer gerechten Strafe entgegen...“ Frenetischer Beifall unterbrach ihn, das Volk von Lohsa jubelte ihm zu. Der neue Funktionär hatte einen neuen Lehrer mitgebracht: der begrüßte die Kinder mit Handschlag und übergab neue – sorbische – Schulbücher sowie ein Geldgeschenk von fünf Mark Ost. An der Außenfront des Schulhauses prangte ein Riesentransparent. Da standen die Worte: „Ja Was strowju“, Unterschrift: W. Pieck. Viel Mühe mußten die Leute von Lohsa sich machen, ehe sie erfragten, was diese Worte bedeuten sollen: „Ich grüße euch, W. Pieck.“ Mehr nicht? So beschlossen sie, den Dingen ihren Lauf zu lassen.

Befriedigt über seinen Sieg von Lohsa kehrte der neue Funktionär nach Bautzen zurück.„Nowa Doba“ und „Choroj mera“ – das sind „sorbische“ Zeitungen, die niemand liest – waren des Lobes voll, daß die vorigen Parteigewaltigen als „Kriegstreiber“ entlarvt worden waren. Diese, saßen jetzt in der Mühle des SSD, einige hatten bereits gestanden und Mitgefangene belastet. Der Rest versuchte händeringend, die Untersuchungsbeamten von dem Irrtum des SSD zu überzeugen. Schließlich stellte sich tatsächlich heraus, daß dem nach Lohsa entsandten Rollkommando die falschen Listen mitgegeben worden waren. So wurden endlich 32 der 47 entlassen; die übrigen sitzen noch heute; sie hatten voreilige Geständnisse abgelegt.

Die Entlassenen mußten Schweigeverpflichtungen unterschreiben. Aber das vermag kein Mensch –: zu verschweigen, daß er unschuldig ist. Und in den Dörfern und Städten der Lausitz haben die Menschen lange nicht mehr über etwas so sehr gelacht, wie über das „Exempel von Lohsa“, wie die Nowa Doba es dreispaltig und voreilig genannt hatte. Die Leute von Lohsa ehrten plötzlich die wenigen Mitbürger, die Sorbisch lesen konnten, ließen sich die Nowa Doba-Zeilen bei verschlossenen Türen übersetzen und lachten.

Gogol, der große russische Dichter, hätte diese wahre und wahrhaft lächerliche Geschichte nicht besser erfinden können. Daß sie in Deutschland wirklich passieren konnte ... „armes Deutschland’, so sagt man hierzulande, und das Lachen ist den Tränen; nahe.