Die wenigen Ausländer, die ihn kennen, haben Urteile abgegeben, die eine Mischung von Antipathie und Schrecken sind. Der untersetzte Mensch mit dem fetten Gesicht und den schillernden Augen erweckt kein Vertrauen. Er hat den Stiernacken der energiegeladenen Naturen, die gewohnt sind, ihren Willen durchzusetzen. Betont proletarisch gekleidet, den Luxus der neuen Moskauer Gesellschaft verachtend, hat er betont grobe Umgangsformen bewahrt. Es fehlt ihm gänzlich der Charme, den selbst Stalin entfalten konnte, wenn er wollte. „Meine lebhafteste Erinnerung war“, so schreibt ein ausländischer Besucher über einen Aufenthalt in Moskau, „der Anblick von Malenkow. Er war das weitaus Unerfreulichste in der Sowjetunion.“

Der in der Bürokratie des Sowjetsystems großgewordene Georgij Maximilianowitsch ist kein Revolutionär. Er war 15 Jahre alt, als der Zar gestürzt wurde. Als Politruk der Roten Armee hat er seine Karriere begonnen und zeitweise den Trotzkisten nahegestanden Bei seiner Tätigkeit in der Geheimpolizei unter Jeschow hat er das Säuberungsgeschäft gelernt. Später dann, von dem Privatsekretariat Stalins aus, erklomm er die hochsten Sprossen der politischen Leiter. Er erstaunte seinen Meister durch ein phänomenales Gedächtnis. Personalakten hatte er im Kopf, und die sorgfältige Anlage von Sündenregistern füllte einen großen Teil seiner Arbeitszeit aus. Doch hätte er nie das Rennen gemacht, wenn Schdanow am Leben geblieben wäre. Wer auch immer das Ende des Kominformgründers verschuldet haben mag, den Vorteil davon hat jedenfalls Malenkow eingeheimst. Seitdem nämlich nahm er den Platz neben Stalin ein, mußte allerdings Molotow zur anderen Seite des Diktators dulden.

Die alte und die mittlere Generation sind im stalinistischen Apparat vereint worden.Es gab manche Spannungen. Malenkow fiel mit seiner dreisten Kritik über das Versagen der alten Garde auf: er nannte sie Faulpelze und Ignoranten. Stalin schmunzelte über solche Ausfälle, die ihm zur gegenseitigen Anspornung nützlich erschienen. Mit Malenkow hat er eine neue Schicht von Funktionären herangezogen. Nüchterne Praktiker, die die leidenschaftlichen Debatten der alten Revolutionäre über die Theorie des Marxismus verschmähten. Ihr Denken ist ein für allemal in planwirtschaftliche Gleise eingespannt. Für sie existiert die Welt außerhalb der Grenzen des sowjetischen Machtbereichs nicht. Diese Funktionäre sind mehr Typen als Individualitäten. Auch Malenkow ist ein Typ.

Kann ein solcher Mensch die Rolle übernehmen, die Stalin gespielt hat, der Verschwörer, der Banküberfälle ausführte, der Diktator, der durch Beseitigung der Rivalen einen weiten Abstand zwischen sich und die anderen Genossen legte, der Erfinder des totalen Staates, der Sieger im Weltkrieg und der Schriftsteller, der das Dogma der kommunistischen Klassiker je nach Bedarf redigierte. Um Malenkow spinnt sich kein Mythos, sein Name hat keine Symbolkraft, und keine Propagandakunst wird sie erzeugen. Er bleibt einer unter zehn im Kreise der sowjetischen Machthaber, auch wenn er primus inter pares geworden ist.

Das ist der große Wandel, der in der Sowjetunion in diesen Tagen eingetreten ist: Malenkow ist nicht Nachfolger Stalins, obwohl er dessen Staats- und Parteiämter geerbt hat. Nachfolger ist das neue Parteipräsidium, in dem die alte Garde, die mittlere Generation, die Armee und Wirtschaftsbürokratie vereinigt sind. So hat es wohl auch Stalin gewollt, der am Ende seines Lebens verstanden haben mag, warum Lenin nicht die Macht einem einzigen Manne anvertrauen wollte.

Sicher wird der Einfluß Malenkows im neuen Parteipräsidium nicht gering sein. Auf Berija und Chruschtschew, mit denen er in den vergangenen Jahren eng zusammenhielt, kann er rechnen. Zu Kaganowitsch waren die Beziehungen der Malenkow-Gruppe nie schlecht, auch nicht zu Mikojan und den anderen Wirtschaftsfachleuten. Bulganin, der die Armee vertritt, ist ein Faktor für sich, der ernst genommen werden muß, ebenso Molotow, der Hort der revolutionären Tradition. Nur hat Molotow niemals den Ehrgeiz gehabt, selbständig zu handeln. Er wird Beschlüsse des Parteipräsidiums über die Außenpolitik korrekt und stur ausführen wie zu den Zeiten des Politbüros.

Die innere Politik, die Inganghaltung der Staatsmaschine durch stärkere Zentralisierung und personelle Umbesetzung wird Malenkow auf lange Zeit ausgiebig beschäftigen. Für die Außenpolitik hat er immer nur am Rande Interesse gezeigt. Er nahm an der Gründungssitzung des Kominform in Warschau teil, kurze Inspektionsreisen haben ihn nach Prag oder Karlshorst geführt. Den Westen kennt er nicht, wie er natürlich auch keine fremde Sprache spricht. Soweit bei ihm eine außenpolitische Konzeption erkennbar ist, besteht sie darin, daß er in Europa eine abwartende Haltung empfiehlt – er ist früh für die Neutralisierung Deutschlands eingetreten –, und daß er das Schwergewicht der Aktivität nach Asien verlegen möchte. Als einziger neuer Mann ist er unter die Kandidaten des Parteipräsidiums der Aserbeidschaner Bagirow aufgenommen worden, ein Repräsentant der islamischen Völkerschaften, der seine Beförderung nicht ausschließlich innenpolitischen Erwägungen verdanken dürfte.

So leicht und scheinbar reibungslos Malenkow an die Spitze des Staates gelangt ist, so schwer wird es für ihn sein, sich dort zu behaupten. Er muß sich mit den Partnern im Parteipräsidium verständigen oder einen Kampf auf Leben und Tod mit ihnen beginnen. Der innere Zustand des Sowjetstaates ist labil geworden wie zu der Zeit, all Stalin seine Herrschaft antrat. Harald Laeuen