Von Paul Hühnerfeld

Immer noch kommt’s im Roman auf das Erzählen an: der philosophische Roman „Der Ekel“ von Jean-Paul Sartre, die ästhetisierenden Betrachtungen Ernst Jüngers in „Heliopolis“ sind zwar brillant geschriebene und interessante Grenzfälle der Gattung – doch dürfen sie nicht als Beispiele mißverstanden werden.

Geschichten vom inneren und äußeren Leben erzählen, eine besser als die andere, jede aber 6l- haftet mit jenem Funken Realität, der auf den Verstand des Lesers überspringen muß, damit der sein Herz nicht am Miterleben hindere – das heißt gute Romane schreiben. Drei deutsche Verlage legen nun drei für uns neue Romane vor: entsprechen sie dieser Maxime?

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Jeder von Joyce Carys Romanen hat im englischen Sprachgebiet sechsstellige Auflagezahlen, obwohl (oder weil?) der Verfasser nicht nur von der Kritik, sondern auch von der Elite seiner englischen Kollegen als der Primus inter pares respektiert wird, als der Bewahrer der großen Romantradition seines Landes. Er ist derjenige, der am wenigsten „traditionell“ zu Werke geht und sich um die Konvention am wenigsten kümmert, dafür aber ein Maximum an reifer Lebenserfahrung in starke und feste – Form bringt. Bei uns hat zuerst der Verleger Wolfgang Krüger die Größe dieses Autors erkannt und ihn mit „Des Pudels Kern“ und „Schwestern“ vorgestellt. Er bringt jetzt als drittes Werk Banges Glück (übersetzt von Theresia Mutzenbecher). Es ist die Geschichte zweier liebenswerter Menschen: der Frau Tabitha und des Hochstabiers Bonser. Tabitha, vor der Jahrhundertwende geboren, Tochter eines Rotwein und „saftige Anekdoten“ liebenden Landarztes unweit Londons und einer kränklichen Mutter, fällt schon als Kind dadurch auf, daß sie sich „das Mädchen mit Kohlen vollstopfte“, daß sie „furchtbar brüllen“ und lachen konnte; kurz: schon als Kind verspricht sie deutlich, daß sie intensiv zu leben beabsichtigt.

Dies Versprechen hält sie. Fünfzehnjährig rückt sie mit jenem jungen Mann namens Bonser aus. Er ist die englische Variation eines „Hallodri“, von dem sie noch nicht einmal weiß, ob er sie liebt (sie erfährt es ihr ganzes Leben nicht). Sie lieht ihn aber, und der Leser liebt den Tunichtgut auch bald: seine Hochstapelei gibt der grauen Wirklichkeit einen rosaroten Schimmer, verleiht ihr gleichsam einen Schuß Poesie, der zwar falsch ist, aber – betörend. Tabitha jedenfalls wird ihm nicht entkommen: auch später nicht, als sie die Geliebte eines reichen Mannes wird, auch nicht, als sie sich auf die „Literatur“ stürzt und eine literarische Zeitung herausgibt, auch nicht, als sie einen anderen Mann heiratet ... Bonser ist noch in ihrem Leben und ihrem Herzen, als sie alt, krank und einsam wird.

Joyce Gary hat dieses Buch in der Zeitform der Gegenwart geschrieben. Dadurch springt der Text den Leser an und läßt ihn nicht mehr los. Er erlebt die turbulente Zeit um die Jahrhundertwende (hier ist der Roman in der Milieuzeichnung am stärksten); er ist dabei, als die Welt, längst ehe die Schüsse von Serajewo erschallten, in den Köpfen der Menschen auseinanderfiel ... Und doch ist dies Buch ein Loblied des Lebens. Mit trockenem Humer und mit Ironie geschrieben verehrt der Autor den Menschen aus ganzem Herzen, obwohl er sich über seine einzelnen Taten bisweilen lustig macht. Zweiundzwanzig Jahre alt war die junge Amerikanerin Carson McCullers, als sie ihren Roman Das Herz ist ein einsamer Jäger schrieb, den Susanne Rademacher nun im Scherz & Goverts Verlag Stuttgart, meisterhaft ins Deutsche übertrug.