Seit Monaten fliegen Emissäre aus Tokio und Washington hin und her über den Pazifik, um über Japans Wiederaufrüstung zu verhandeln. Die Regierung Eisenhower besteht mit noch größerem Ernst als ihre Vorgängerin darauf, daß Japan unverzüglich aufrüstet. Demgegenüber hatte sich die Regierung in Tokio bisher zwar nicht gegen den Gedanken der Aufrüstung an sich, wohl aber gegen jede Überstürzung gesträubt. Nach langwierigen Verhandlungen hatte Joschida um die Jahreswende seinen engsten Berater Jiro Schirasu nach Washington entsandt. Er sollte den dortigen Stellen darlegen, wie wenig eine übereilte Aufrüstung dem gemeinsamen Sicherheitsbedürfnis dienen könne. Schirasu wurde aber bedeutet, daß sich Japan der Mitwirkung an der Verteidigung der freien Welt nicht unter Berufung auf die Landesverfassung – sie verbietet jegliche Kriegsrüstung – oder die prekäre Wirtschaftslage entziehen dürfe. Mitte März soll nun der frühere Finanzminister Hajato Ikeda den japanischen Rüstungsvorschlag nach Washington mitnehmen und dort versuchen, das höchstmögliche Maß an amerikanischer Hilfe auszuhandeln. An dem Entwurf wird noch fieberhaft gearbeitet. Wenn Ikeda aus Washington zurückkehrt, soll noch einmal die letzte Hand daran gelegt werden. Außenminister John Foster Dulles kann dann eine abschlußreife Vertragsgrundlage präsentiert werden, wenn er im April nach Japan kommt. Feindseligkeit gegen die USA ist nicht der Grund für Joschidas zögernde Haltung. Gerade Joschida ist der Mann des USA-Kurses, so daß ihn jüngst ein Politiker aus seiner eigenen Partei öffentlich eine „Marionette der USA“ nennen und damit Beifall erringen konnte. Aber Joschida fühlt sich der parlamentarischen Demokratie verantwortlich. Und die Verfassung verbietet die Kriegsrüstung. Nur wenige Beobachter zweifeln daran, daß der für eine Verfassungsänderung vorgeschriebene Volksentscheid im Sinne der Wiederaufrüstung zur Zeit kaum eine Mehrheit erbringen würde.

Hinzu kommt, daß die Wirtschaftslage Japans nicht rosig ist und größeren Belastungen nicnt gewachsen wäre, ohne den Lebensstandard der Bevölkerung noch mehr zu senken. Schon jetzt lebt Japan praktisch vom Koreakrieg, das heißt von den Sach- und Dienstleistungen, die die UNO-Einheiten aus ihrem Stützpunkt Japan beziehen. Die Dollareinnahmen daraus machen knapp die Hälfte der aktiven Seite der Zahlungsbilanz aus, die eben gerade mit einem nominellen Überschuß abschließt.

Trotz alledem hat sich die Regierung unter dem Druck der USA entschließen müssen, nun doch einen Plan auszuarbeiten, der den amerikanischen Wünschen einigermaßen entgegenkommt. Er ist bisher nur in seinen Grundzügen bekannt. Danach soll nach einem Dreijahresplan aufgerüstet werden, dessen Ziel etwa im Jahre 1956 liegt. Die Landtruppen sollen aus dem bisher bestehenden Sicherheitstruppen zunächst auf 180 000 Mann und schließlich auf 300 000 Mann verstärkt werden. Sie würden durchweg mit neuestem amerikanischem Material ausgerüstet und gut motorisiert sein. Den Hauptanteil der Kriegsmarine sollen Schnellboote bilden, die über 35 Knoten laufen und Küstenschutz, Geleitschutz und U-Bootbekämpfung übernehmen. Die Luftwaffe soll fast ausschließlich Düsenflugzeuge haben. Wirtschaftlich gesehen würde Japan auf lange Sicht 10 Prozent des Sozialprodukts aufwenden, um seine Verteidigung aufzubauen und zu unterhalten. Solange und soweit dies nicht geschehen kann, würden die USA die erforderlichen Mittel übernehmen. Im ersten Jahre würde Japans Wehrbeitrag jedoch nur bei 2,7 % des Sozialprodukts liegen, was etwa 1,75 Milliarden DM ausmachen würde. F. R.