Die Redaktion der „ZEIT“ gab in der Ausgabe vom 5. März dem Finanzsenator der Hansestadt Hamburg, Dr. Walter Dudek, Gelegenheit, zu dem Bau einer Zuckerfabrik im Landesteil Schleswig kritisch Stellung zu nehmen. Von der Landesregierung Schleswig-Holstein werden wir gebeten, die nachfolgende Entgegnung zu veröffentlichen, der wir in den wesentlichen Teilen zur Abrundung des Problems nach der anderen Seite abschließend Raum geben.

Die Ausführungen, die Senator Dr. Dudek über den Bau einer zweiten Zuckerfabrik in Schleswig gemacht hat, stellen eine sehr scharfe Kritik an einer Maßnahme der Bundesregierung und der schleswig-holsteinischen Landesregierung dar und bedürfen einer Erwiderung. Dr. Dudek behauptet, die Fachleute seien sich einig, daß die Rentabilität des Unternehmens nicht gewährleistet sei. Die Behauptungen von Dr. Dudek gründen sich darauf, daß angeblich der Hektarertrag an Zuckerrüben und der Zuckergehalt der in Schleswig-Holstein geernteten Zuckerrüben niedriger sei als im Bundesdurchschnitt. Diese Angaben treffen nicht die in Schleswig-Holstein gegebenen Gesamtverhältnisse. Wenn bei den Kalkulationen der voraussichtlichen Rentabilität der Zuckerfabrik nicht die höchsten Ertragsziffern zugrunde gelegt worden sind, so geschah dies lediglich aus Sicherungsgründen, um den Ertrag auch in einem Jahr mit ungünstigen Ernteerträgen in den Kreis der Betrachtung einzubeziehen. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, daß die bisher einzige Zuckerfabrik in Schleswig-Holstein, St. Michaelisdonn, „den Ertrag der bisherigen Anbaufläche auch nicht annähernd aufnehmen kann“, wie Staatssekretär Sonnemann bestätigt hat, und daß dieses Unternehmen durchaus rentabel arbeitet.

Ferner glaubte Dr. Dudek darauf hinweisen zu sollen, daß das ERP-Sondervermögen für Zwecke der Produktionssteigerung zur Verfügung gestellt werden würde. Es ist festzustellen, daß erwiesenermaßen keine nachhaltigere Steigerung der landwirtschaftlichen Bodenerzeugung erreichbar. ist als gerade durch den Anbau von Zuckerrüben. Er gewährleistet den höchsten Ertrag an Nährwerten und bedeutet die nachhaltigste Förderung der Bodenkultur. Mit der Erhöhung der Zuckergewinnung wird die Abhängigkeit in der Zuckerversorgung von der Auslandzufuhr entscheidend vermindert. Für die Einfuhr von ausländischem Zucker wurden 1952 allein 233 Mill. DM an Devisen aufgewendet. Es ist also festzustellen, daß die Zweckbestimmung des ERP-Sondervermögens bei der Hergabe des Kredits für den Bau der Zuckerfabrik im Landesteil Schleswig in vollem Umfange erfüllt wird.

Weiter macht Dr. Dudek geltend, daß das Land Schleswig-Holstein durch sein Eintreten für die Restfinanzierung Steuergelder verwende, die nach seiner Meinung Einnahmen darstellen, die es im wesentlichen in der Form von Darlehen, Zuschüssen oder Finanzausgleichszahlungen vom Bund und von den übrigen Ländern bezieht. Dieser Hinweis läßt bedauerlicherweise doch das Verständnis für die außergewöhnlichen Vorbelastungen vermissen, die das Land Schleswig-Holstein durch den ungeneuren Zustrom von Heimatvertriebenen und Flüchtlingen aufgebürdet werden. Verschärft werden diese Schwierigkeiten durch die periphere Lage des Landes und die dadurch bedingte überdurchschnittliche Tarifbelastung. Es handelt sich dabei um Kriegsfolgelasten, deren Beseitigung auch nach dem Grundgesetz nicht dem Lande Schleswig-Holstein allein zugemutet werden darf. Die Wirtschaftsförderung durch den Bau der Zuckerfabrik soll dazu dienen, die Wirtschaftskraft eines besonders benachteiligten und bisher vernachlässigten Landesteiles zu stärken, um damit zugleich der Bevölkerung die Grundlage einer besseren und sicheren Existenz zu schaffen.

Senator Dr. Dudek wird im übrigen bekannt sein, daß die Bauern als Unternehmer so wenig wie die Unternehmer vieler anderer nichtlandwirtschaftlichen Industrie- und Gewerbezweige in der Lage waren und sind, für die durch den Kriegsausgang notwendig gewordenen wirtschaftlichen Aufbaumaßnahmen Eigenkapital in vollem Urnfange aufzubringen. Die Wirtschaftskreise der Hansestadt Hamburg dürften auf diesen Weg der Finanzierung mindestens so sehr angewiesen sein wie die Wirtschaftskreise außerhalb Hamburgs, die ihrerseits einen bedeutsamen und unentbehrlichen Faktor auch des Hamburger Wirtschaftslebens darstellen.