Als der Perserkönig Xerxes, von einer List der Griechen in die Falle gelockt, die Seeschlacht bei Salamis wagte, erlitt er eine vernichtende Niederlage. Glühend vor Ehrgeiz und Machtrausch, das unterbrochene Eroberungswerk seines Vaters Dareios fortzusetzen, war er mit einer ungeheuren Streitmacht nach Griechenland gezogen und hatte, bis auf den Peloponnes, ganz Hellas unter seine Herrschalt gebracht. Nach dieser grausamen Vernichtung seiner Flotte war seine kriegerische Macht erbärmlich zusammengebrochen. Wie ein wundgeschossenes Tier, Hunger, Seuchen und Verzweiflung preisgegeben, taumelte der Heereszug zum Hellespont zurück, und in allen regte sich ein Vorgefühl des Todes, ein Gefühl des Ausgeschiedenseins, so, als hätte das Leben ihnen nun nichts Lebenswertes mehr zu bieten, nachdem der Ruhm, den sie sich erhofft und erwartet hatten, anderen zuteil geworden war. Xerxes aber war erfüllt von einem unbändigen Zorn, der sich gegen das Schicksal, gegen Gott richtete, der sich durch ein Mißverständnis, wie er glaubte, gegen ihn gekehrt hatte. Die Griechen dagegen – und mit ihnen der große Dichter Aischylos, der die Schlacht als Soldat miterlebt hatte –, statteten Zeus ihren Dank ab, denn er hatte das Geschehen so gelenkt, daß es mit ihrem Glauben im Einklang war. Und Aischylos erkennt: das eigentliche, lebendige Ich im Menschen ist das, was sein Leben erst wahrhaft zu seinem eigenen und danach zu einer Antwort an die Gottheit macht.

Dies ist die historische Situation, in der Hans Reisigen Erzählung Aischylos bei Salamis (Rowohlt, Hamburg, 179 Seiten) spielt. Ihr Thema lautet: Madit und Vergänglichkeit der Welt gegen gottgewollte Ordnung. Wenn auch die Macht immer vorerst zu siegen scheint, sie vermag das Geschehen nicht zu bestimmen, weil sie gegen die große Ordnung wirken will. Es können Fürsten, Könige oder ruhmsüchtige Despoten sein, der eine ist immer noch über ihnen, und in ihm erst ragt die Macht in das Unendliche empor. Aber nur durch die Einsicht können die Menschen das unrechte Geschehen vermeiden, herausgehoben werden aus der unglücklichen Zwangsfolge, die sie immer wieder in denselben Strudel reißt: Machtgier und Absturz, und wieder Machtgier und wieder Absturz. Nur der Weg von dem „So ist es“ zu dem „So soll es sein und werden“ kann Rettung bringen. Durch Leiden müssen die Menschen lernen, und sie spielen ihr Spiel, das aus dem Unendlichen kommt, ewig weiter fort. Das Geschehen vergeht, aber dem Bild verleiht die Gottheit Dauer, soweit dem Menschlichen Dauer gewährt werden kann. Auf Erden aber ist es der Dichter, der in direkter Verbindung zum Kosmos die Bilder beschwört, um den Fortbestand des Geschehenen im Geistigen zu erhalten.

Reisigers Rückgriff auf die Antike ist hier besonders glücklich, da wir, allein schon aus der großen zeitlichen Distanz zu den historischen Ereignissen, den Blick für das Wesentliche schärfen. Allerdings ist das Buch belastet: zum ersten durch den gewaltigen Komplex antiker Geschichte und Mythologie, zum zweiten durch die oft weitausholende, häufig recht umständliche, archaisierende Sprache. Dennoch entwirft Reisiger eine ganze Reihe von leuchtenden Bildern, die in ihrer Eindringlichkeit in der modernen Literatur nur selten sonst zu finden sind. Und was die lehrhafte Tendenz angeht – muß Dichtung nicht von Zeit zu Zeit lehrhaft sein? Henning Harmsen