Genf, im März

Die Bedeutung der Schweiz, als des mehr oder weniger einzigen wirklich offenen Marktes in Europa, kann nicht besser dokumentiert werden als durch das Überangebot an Marken und Typen auf dem Genfer Automobilsalon. Kein anderes Land kann mit ähnlichen Zahlen einer Fahrzeugschau aufwarten: 75 PKW-, 37 Nutzfahrzeug- und 52 Motorradmarken stehen miteinander in Wettbewerb. Sie werden nicht nur von den traditionellen Fabrikationsländern – Belgien, Frankreich, Großbritannien, Italien, Österreich, der Schweiz, den USA und Westdeutschland – angeboten, vielmehr auch von Outsidern, wie Schweden (das nur verschwindend wenig exportiert), ferner Ostdeutschland und sogar Ungarn.

Dieses Interesse aller Fahrzeughersteller, aber auch der im Fahrzeughandel stehenden Schweizer Firmen, ist durchaus erklärlich, wenn man – abgesehen von dem Wert des Schweizerfranken als freie Devise und vom Fehlen jeder Importbeschränkung – die sprungweise Entwicklung des Schweizer Motorfahrzeugbestandes seit dem letzten Vorkriegsjahr betrachtet. War vor dem Kriege nur jeder 34. Schweizer Fahrzeugbesitzer, so ist es heute bereits jeder 13. Einwohner der Eidgenossenschaft. Diese Entwicklung beweist, daß – mögen durch den laufenden Zugang auch die Ersatzbeschaffungen immer größeren Umfang annehmen – die finanziell starke Position des Durchschnittsschweizers immer weitere Kreise der Motorisierung neu erschließt. Von einer Marktsättigung kann vorläufig noch nicht gesprochen werden, wenn auch möglicherweise der Höhepunkt der Einfuhr, wie er 1951 gegeben war, schon überschritten sein könnte.

Die westdeutsche Industrie nimmt auf diesem Markt eine sehr gefestigte Stellung ein. Sieht man von Motorfahrrädern ab, so stammten von dem übrigen Kfz-Bestand 1952 (345 700 Stück) nicht weniger als 70 865 aus Deutschland. Die drei stärksten Konkurrenten – Italien mit 64 515, Großbritannien mit 62 072 und USA mit 61 519, denen erst im größeren Abstand Frankreich mit 42 541 Fahrzeugen folgt – haben in den letzten beiden Jahren ständig verloren und es hat den Anschein, als ob Deutschland seinen Vorsprung weiterhin vergrößern dürfte. Deutschlands Importe stiegen von 1949 bis 1952 von rund 4000 auf fast 14 000 Wagen im Jahre an, während nur Italien im gleichen Zeitraum seinen Status mit rund 3000 Wagen jährlich halten konnte, alle anderen Lieferländer aber stark einbüßten, so Großbritannien von mehr als 6000 auf etwa 5500, Frankreich von 6500 auf 4500 und die USA gar von 11 500 auf 5000 Wagen jährlich.

So ist es durchaus erklärlich, daß Deutschland auch diesmal große Anstrengungen machte, um auf dem Salon möglichst repräsentativ auftreten zu können. Auto-Union, Borgward, Ford, Goliath, Gutbrod, Lloyd, Mercedes-Benz, Opel, Porsche und VW vertraten die deutsche Personenwagenerzeugung; Auto-Union, Borgward, Gol’ath, Hanomag, Henschel, Lloyd, Magirus-Deutz, Mercedes-Benz, Opel, Tempo, Unimog und VW zeigten Nutzfahrzeuge. In der Motorradabteilung fanden sich die Erzeugnisse von Adler, Ardie, Auto-Union, Dürkopp, Fend-Messerschmitt, Fichtel & Sachs, Goericke, Goggo, Horex, Imme, Kreidler, NSU, Patria und TWN. Dazu waren an fast allen Ständen der Zubehörfirmen deutsche Produkte ausgestellt.

Die Bedeutung des Schweizer Marktes macht es aber auch erklärlich, daß eine der großen Weltfernen von der Usance, Neukonstruktionen immer nur auf der eigenen nationalen Ausstellung erstmalig vorzustellen, abging und Genf zum Startpla:z für ein neues Modell aussuchte: Fiat / Der neue 1100er – übrigens ein sehr beachtlicher Wagen, nicht zuletzt im Hinblick auf seine Geräumigkeit – wurde jetzt schon in Genf, wenige Wochen vor dem Turiner Salon, der Öffentlichkeit gezeigt.

Sehen wir uns noch an, wie die deutschen Personenwagenmodelle auf dem Schweizer Markt „im Rennen liegen“. Zuerst die Kleinwagen bis 1200 ccm (in der jeweils billigsten Ausführung): Citroen 2 CV: 4490 sFrs., Lloyd LP 400: 4950 sFrs, Renault 4 CV: 5575 sFrs, Volkswagen: 5750 sFrs, Austin A 30: 6500 sFrs, Morris Minor: 6560 sFrs, IFA F9: 6750 sFrs, Auto Union: 6850 sFrs, Goliath: 6950 sFrs, Fiat 1100 (neu): 7450 sFrs, Ford Taunus 12 M: 7690 sFrs, Peugeot 203: 7850 sFrs, Simca Aronde: 8250 sFrs, Skoda 1200:’ 8250 sFrs, Austin A 40: 8450. Diese Zahlengegenüberstellung begründet ohne viele Worte, weshalb der VW sich den Schweizer Markt im Sturm erobert hat.