In der Pariser Gesellschaft kursiert ein Brief der Comtesse Josée de Chambrun, der Tochter Pierre Lavals, an den Hochkommissar François-Poncet. François-Poncet war vor kurzem als Nachfolger des Marschalls Pétain in die Academie Française gewählt worden und hatte, der Tradition entsprechend, in seiner Antrittsrede ein Lebensbild seines Vorgängers gezeichnet. Dabei hatte er die politische Haltung Pétains während der Besatzungszeit zu entlasten und die Schuld für den allzu gefügigen Kurs Vichys gegenüber Hitler auf Pierre Laval abzuwälzen versucht. Hiergegen protestiert die Tochter Lavais im folgenden Brief.

Sehr geehrter Herr Botschafter!

Ich habe Ihre Antrittsrede in der Akademie gelesen. Das Urteil das Sie über meinen Vater fällen, hat mich nicht sonderlich überrascht. Ich hatte schon anläßlich eines Artikels von Ihnen Gelegenheit, Ihnen zu sagen, wie peinlich der Eindruck war, als ich sah, welche Freiheiten Sie sich mit der Wahrheit herausnehmen und in welchem Ton Sie von einem Manne sprechen, dem Sie zu seinen Lebzeiten ebenso eifrige wie respektvolle Worte der Dankbarkeit gewidmet haben.

Sie hatten mir geantwortet, Sie glaubten nicht, sich „von dem Ton, der dem Historiker erlaubt ist, entfernt zu haben“. Und Sie werden sich zweifellos hinter dieselbe Formel verschanzen, um die Worte zu rechtfertigen, die Sie am 22. Januar im Kuppelsaal der Akademie geäußert haben...

Wie können Sie die von einem Historiker zu verlangende völlige geistige Unabhängigkeit haben, wo Sie doch sehr aktiv bei den Ereignissen der letzten Jahre mitgespielt haben und wo doch Ihr Interesse so stark in diese Ereignisse verflochten ist? Denn Ihre Erfolge in der Verwaltung, das ganze Gelingen. Ihrer Karriere, ganz zu schweigen von dem Zugang zu gesellschaftlichen Ehrungen; wie sie der grüne Frack der Akademie, von dem Sie immer schon geträumt haben, symbolisiert – alles das hing, hängt und wird weiter abhängen von der Stellung, die Sie zu den Mächtigen des Tages eingenommen haben oder werden einnehmen müssen Sie konnten also gar nicht anders, als von jener unruhigen Zeit ein tendenziöses Bild zeichnen, das den einzigen Zweck hatte, Ihren Hörern zu gefallen, die zugleich Ihre Kritiker waren.

Das flüchtige Bild, das Sie von der politischen Tätigkeit meines Vaters entwerfen, wimmelt von Ungenauigkeiten und oft sogar von groben Irrtümern, abgesehen davon, daß es eine geradezu verblüffende Unzulänglichkeit in der Kenntnis von Quellen enthüllt, die bei einem Mann, der sich Historiker nennt, doppelt erstaunlich ist. Ich werde mich begnügen, auf das Markanteste hinzuweisen.. Sie behaupten: „Überdies sieht Laval die Dinge nicht wie der Marschall sie sieht. Er verabscheut England, er ignoriert die Vereinigten Staaten.“ Hier verkennen Sie völlig die Intentionen und die tieferen Gedanken meines Vaters. Er ignorierte die Vereinigten Staaten so wenig, daß, als er im April 1942 wieder zur Macht kam, der amerikanische Geschäftsträger Edward Tuck ihm den Vertreter von United Press in Vichy, Ralph Heinzen, zusandte, um genaue Angaben über die Politik zu erhalten, die mein Vater gegenüber den Vereinigten Staaten einzuschlagen gedachte. Mein Vater antwortete wörtlich: „Ich bin hier nicht, um Krieg zu machen, sondern um ihn nach Möglichkeit zu verhindern, und ich werde mich wohl hüten, auch nur die geringste Gelegenheit zu einer Reibung zwischen der großen amerikanischen Republik und Frankreich herbeizuführen. Mr. Tuck fragt mich, welches meine Haltung in der Frage der Antillen sein wird: ich bin der Auffassung, daß die Antillen zur Einflußsphäre der Vereinigten Staaten gehören. Er möchte außerdem wissen, ob ich bereit bin, ihn zu empfangen. Sagen Sie ihm, daß ich dazu da bin und daß er mich so oft besuchen kann, wie er will.“

Mein Vater hat dann übrigens dem amerikanischen Botschafter, Admiral Leahy, erklärt: