Von Waldemar Honer

Die Gruppe der Arbeiter, die im nieselnden Regen vom Bahnhof her durch die Trümmerstraßen geht, ist als Delegation nach Dresden gekommen. Die Parteiorganisation ihres Betriebes hat die Fahrt arrangiert, auf daß die Kollegen sähen, wie die deutschen Künstler „den Sozialismus“ meistern. So sagt es auch ein Plakat am Straßenrand, ein Hinweisschild auf die „3. deutsche Kunstausstellung“, in der nun für zwei Monate die Fanfaren von den Wänden blasen,

Am Eingang stehen schon die Führer bereit, um die Ankömmlinge mit aufklärenden Worten durch die Säle des Albertinums zu geleiten, das für die Ausstellung vorübergehend geöffnet worden ist. Und von diesem Augenblick an haben die Besucher keine ruhige Minute mehr. Weniger deswegen, weil der Erklärer unaufhörlich redet, sondern weil es hier kein Verweilen gibt vor dem Intimen, kein Nachdenken über ein künstlerisches Experiment, keine menschliche Erschütterung. Statt dessen wehen die Fahnen und flattern die Wimpel, es gibt sehr viel Rot und sehr viel FDJ-Blau, und die Aktivisten lächeln und überbieten – im Bild – ihr Soll mit Leichtigkeit um 150 Prozent.

Denn es geht in dieser Ausstellung um die Darstellung der neuen „fortschrittlichen Inhalte dessen, was nun Kunst genannt wird. Um Sturmfahnen über Barrikaden, um ins Horn stoßende, junge Pioniere, um Schwerterklirrenden Patriotismus, um Volkspolizisten, die mit dem Gewehr in der Hand über das Lächeln des Aktivisten wachen. Da wird in riesigen Formaten getrommelt, marschiert und demonstriert, da fahren die von den sowjetischen Freunden gelieferten Traktoren über die Thüringer Kolchosfelder, und die einstigen Bauern stehen dabei und bewundern mit leuchtenden Augen, wie tief die Furche durch das Erdreich zieht. Da übergibt ein Kreissekretär der jungen Genossin das „wichtigste Dokument ihres Lebens“, das Partei-, buch der SED, das sie fortan – laut Vorschrift – stets im Brustbeutel zu tragen hat. „Parteiveteran Schlichtholz“, ein alter Mann mit Krückstock und SED-Abzeichen auf der Joppe, wandert verklärten Auges durch die „erste sozialistische Straße Deutschlands“, die Stalinallee in Ost-Berlin.

Und dann die jungen Pioniere in ihren weißen Hemden und die blaublusigen FDJler, die überall in den Rahmen hängen: Sie kleben eine Wandzeitung, sie bauen Flugmodelle, sie lesen einen „Freundschaftsbrief“, den sie im Lager bekommen haben. Und ihre glückhaften Gesichter verraten, daß dieser Freundschaftsbrief von einer, chinesischen Partisanin oder einem sowjetischen Komsomolzen stammt. Noch zahlreicher präsentieren sich – in planerfüllender Arbeitsenergie, in strahlendem Siegesbewußtsein, in einem, die Vielfalt des Lebens schematisch überdeckenden Optimismus – die Aktivisten, Nationalpreisträger und Brigadiere: Monteuraktivist beim Brückenbau; Best arbeiter im Eisenhüttenwerk; Lernaktiv der Bauunion Bitterfeld; Arbeiter beim organisierten Selbststudium; Aktivist – Aktivistin; Traktorist – Traktoristin.

Es sei jedoch nicht verschwiegen, daß es auch einiges Düsteres gibt: da wird gestreikt, aber natürlich nur in Hamburg. Da knüppelt die Polizei, aber selbstverständlich in Düsseldorf. Und da brodelt der Aufstand des Volkes, da werden Resolutionen gesammelt gegen die Unterdrücker; aber das geschieht in Essen.

Der Betrachter kann noch etwas anderes staunend vermerken: Bei einem nicht geringen Teil der Gemälde – die Plastik ist recht spärlich vertreten und die Graphik noch weniger – tritt nicht mehr ein einzelner Maler als Urheber in Erscheinung. Das erklärende Schild nennt vielmehr als Schöpfer eine Malerbrigade, die „Künstlerbrigade Lucas Cranach“ etwa oder die „erste sozialistische Malerbrigade“. In diesen Gruppen haben sich die fortschrittlichsten „Kader der künstlerischen Intelligenz“, wie Otto Grotewohl bei seiner Eröffnungsrede die Künstler titulierte, zusammengeschlossen, um eine „höhere Form des sozialistischen Kunstschaffens“ zu erreichen: durch „wissenschaftliche Arbeitsmethoden“, durch die „Überwindung der Spontanität“ und durch eifriges Studium des Marxismus-Leninismus. Wobei dann das Kollektiv als Zensor darüber wacht, daß kein Kollege sich ideologisch verirrt. Die Künstlerbrigade Lucas Cranach hat sich zu diesem Zweck sogar die Mitarbeit eines Kulturfunktionärs der SED-Bezirksleitung Halle gesichert und diesen Genossen in die Brigade aufgenommen.