Von Sven von Müller

Caracas, im März

Vor 50 Jahren hatten die europäischen Großmächte eine Blockade über die venezolanische Küste verhängt, weil das Land zu arm war, um seinen ausländischen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen. Heute hat Venezuela überhaupt keine Auslandsverschuldung nur eine nominelle Inlandsschuld, eine Golddeckung, die den Notenumlauf übersteigt, und ein Budget, das bei 5 Millionen Einwohnern etwa dem von Indien mit 400 Millionen Menschen entspricht. Dennoch hat Venezuela nur eine allgemeine Einkommensteuer von 214 v. H. und eine zusätzliche bis zu 8 v. H. für Großverdiener, die sich aber durch Umwandlung ihrer Firmen in Aktiengesellschaften (bei 90 v. H. Eigenbeteiligung) noch günstigere Steuerbedingungen schaffen können. Das Volkseinkommen ist nach Angabe der Zentralbank auf 7195 Mrd. Bolivar (1 Bolivar = 1,25 DM) angewachsen, gegenüber 1,5 Mrd. in 1937. Die Löhne haben sich im Durchschnitt seit Kriegsende verdoppelt, während die Lebenshaltungskosten nur um etwa 40 v. H. gestiegen sind.

Wer heute nach Caracas, der Bundeshauptstadt, kommt, braucht aber keine Statistiken, um zu erkennen, daß in der einst verschlafenen und winkligen spanischen Kolonialstadt sich eine kaum faßbare Wandlung vollzieht. Breite Avenidas mit modernsten Geschäftshäusern, Luxusgeschäften und funkelnagelneuen Kinopalästen zeigen hier einen märchenhaften Reichtum, an dem der Staat als größter Geldgeber wesentlichen Anteil hat. Jeder 15. Einwohner von Caracas hat ein Auto, meist amerikanische Luxuswagen neuester Modelle, und der staatliche Höchstpreis für Benzin beträgt etwa 12 1/2 Pfennig je Liter. Dafür ist die Verkehrsbeanspruchung so stark, daß sich die Autokolonnen in den kritischen Zeiten häufig festfahren, obwohl die wichtigste Ost-West-Achse, die Avenida Bolivar, im Zentrum unterirdisch geführt ist. Die Grundstückspreise sind in den letzten zehn Jahren um 800–1000 v. H. gestiegen, und Neubauten sind so teuer, daß die Regierung den Wohnungsbau für Minderbemittelte großzügig fördert. Das Universitätsviertel, in dem 8000 Studenten kostenfrei studieren, wird wesentlich erweitert und erhält neben modernsten Sportanlagen ein Krankenhaus mit 1200 Betten. Die Durchschnittspreise liegen allerdings nicht unwesentlich über den amerikanischen, und in dem luxuriösen Hotel Avila hat der Verfasser etwa 90 DM für ein kleines Zimmer mit winzigem Bad bezahlt. Man muß also schon in Bolivars gut verdienen. Und es wird auch viel verdient, ohne daß man bei dem lebensfrohen Temperament der Bevölkerung von einer hektischen Jagd nach dem Bolivar sprechen könnte. „Geduld“ und „Morgen“ werden nach alter spanischen Tradition noch ganz groß geschrieben...

Woher stammt diese revolutionierende Flutwelle des Reichtums? Die amerikanische Wirtschaft hat bisher etwa 2 1/2 Mrd. $ in Venezuela investiert, und 60 v. H. der Staatseinnahmen stammen aus der Ölindustrie, an der die Esso-Organisation mit etwa 50 v. H. beteiligt ist. Bei einer Rohölproduktion von fast 100 Mill. t haben die Ölgesellschaften, etwa ein Dutzend amerikanische und die Shell-Gruppe, im letzten Budgetjahr etwa 1400 Mill. Bolivar an direkten Abgaben an die Regierung geleistet und wesentlich zu den Einfuhrzöllen beigetragen, so daß die Regierung über insgesamt 2256 Mill. Bolivar Einnahmen verfügte. An den Deviseneingängen sind dieölfirmen mit 98,16 V. H. beteiligt, davon wurden 97,74 v. H. in US-$ gezahlt. Der wirtschaftliche Leitsatz, die „Ölgewinne auszusäen“, wird befolgt und ein Drittel der Budgetmittel sind in Bauten, Schulen, Sportplätze, Krankenhäuser, die Förderung von Industrie und Landwirtschaft und die Verkehrserschließung geflossen. Die politischen Verhältnisse sind stabil, wenn sich auch bei den Wahlen vom 30. November 1952 eine überraschende Aktivität illegaler Linksorganisationen gezeigt hat. Der neue Präsident, Oberst Perez Jiminez, der stärkste Exponent der bisher regierenden Militärjunta, kann sich auf die Armee und die Guardia Civil verlassen und wird keine Störungen der Prosperität durch politische Unruhen dulden.

Sehr glücklich ist der Umstand für Venezuela, daß die amerikanische Schwerindustrie sich entschlossen hat, die reichen Erzvorkommen südlich Ciudad Bolivar beiderseits des Caroni-Flusses abzubauen, als Ersatz für die sich erschöpfenden Erzvorkommen am Lake Superior im nördlichen Minnesota. Damit ist von Venezuela die Sorge genommen, daß der Wohlstand des Landes ausschließlich auf der Ölausfuhr beruht, deren Größenordnung naturgemäß von der Aufnahmefähigkeit ausländischer Märkte und von den verfügbaren Dollars abhängig ist. Die Regierung will sogar eine eigene Schwerindustrie für den Inlandverbrauch aufbauen und hofft, Erdgas statt des fehlenden Kokses für die Erzaufbereitung (bis zu 65 v. H. Eisengehalt, zum Teil ohne Schwefel) verwenden zu können. Ein anderes Projekt sieht die Ausnutzung der Wasserfälle in dem noch wenig erforschten Gebiet südlich des Orinoco vor, um mit dem Bauxit aus Holländisch und Britisch Guayana eine Aluminiumindustrie zu schaffen. Auch soll die bisher vorväterlich betriebene Gold- und Diamantensuche industrialisiert werden.

Venezuela ist ein anspruchsvoller Qualitätsmarkt ohne Devisenrestriktionen, um den sich alle Ausfuhrländer, auch wieder Japan, bemühen. Die bisher vorherrschende Einfuhr aus USA ist in den letzten beiden Jahren leicht rückläufig von 73,6 auf 67,4 v. H. Der deutsche Anteil zeigt eine erfreuliche Entwicklung, indem er von 1,3 v. H. in 1949 auf 4,2 v. H. in 1951 gestiegen ist, während 1937. Deutschland mit 14 v. H. gegenüber 9 v. H. von Großbritannien nach den USA in Führung lag. Der Verfasser hat sehr günstige Urteile über die Qualität der deutschen Importwaren gehört. Eine große Hilfe sind die zahlreichen deutsch-venezolanischen Importeure, die zum Teil seit Generationen im Lande ansässig sind. Diese Firmen sind aber bei dem ungeheuren Importvolumen voll ausgelastet und entsprechend wählerisch, zumal Klima und Gewohnheiten der Verbraucher starke Beachtung verdienen. Bei den zahlreichen landeskundigen deutschen Exporteuren in unseren Hafenstädten sollten sich aber Fehlleitungen vermeiden lassen. Sehr anerkannt wird die rasche Abwicklung von Geschäften und der zunehmende Schiffsverkehr unter deutscher Flagge.

Gewarnt werden muß aber vor übertriebenen Hoffnungen von Auswanderern, vor allem, wenn sie nicht fließend spanisch und englisch sprechen. Die Venezolaner haben ein stark ausgebildetes Nationalgefühl, und auf dem Arbeitsmarkt, besonders in höher bezahlten Stellungen, werden die Einheimischen bevorzugt. Auch Bauern müssen mit einem großen Risiko rechnen, denn Venezuela hat nur wenig gute Böden und diese häufig in marktfernen Gebieten. Auch sind die Anbaubedingungen so ganz anders als bei uns, so daß ohne langjährige Erfahrungen und gründliche Schulung Enttäuschungen sehr wahrscheinlich sind.