Endlich hat einmal einer der großen Manager den Mut gehabt, das Kind beim rechten Namen zu nennen: der Generaldirektor des Volkswagen-Werkes, Dr.-Ing. e. h. Heinz Nordhoff sagte, Automobilrennen seien heutzutage weiter nichts als Circenses. Die Zeiten seien vergangen, da Rennen noch dem Fortschritt in der technischen Entwicklung neuer Gebrauchstypen dienten. Nordhoff hat sich damit in Gegensatz zum derzeitigen Bundesverkehrsminister Dr. Seebohm gebracht, der nach wie vor die Autorennen als lebensnotwendig für die Automobilindustrie bezeichnet. Aber man wird hier eher dem Fachmann Heinz Nordhoff glauben müssen, der, ganz im Gegensatz zu dem „Protektor“ des deutschen Automobilsportes, erklärt, daß die Entwicklung des Automobilbaues sehr wohl ohne „diese härtesten Prüfungen für das verwandte Material“ gefördert werden könne.

Das Automobil ist mit den Jahren zu einem selbstverständlichen Beförderungsmittel geworden, das die Konstrukteure immer zuverlässiger, sicherer, wirtschaftlicher und dauerhafter gestalten möchten. Zu den Entwicklungszielen des Automobilbaues gehört aber aus wohlweislicher Absicht eine stets höher werdende Geschwindigkeit nicht. Schon die heutigen Höchstgeschwindigkeiten der großen Wagen sind kaum noch ausnutzbar und im übrigen auch gar nicht nötig. In einer weiteren Erkältung der Spitzengeschwindigkeit liegt weder ein automobiltechnischer noch ein verkehrstechnischer oder gar wirtschaftlicher Sinn mehr.

Es besteht wirklich kein Zweifel darüber, daß man die am Zeichentisch des Konstrukteurbüros durchdachten, in den wissenschaftlichen Instituten und den Versuchsabteilungen der großen Werke erprobten Fabrikate viel besser einer endgültigen Prüfung auf einer Übungsstrecke (wie etwa dem Nürburgring) unterziehen kann, als dies in einem Automobilrennen mit seinen vielen und vielfachen Zufälligkeiten geschehen könnte. Ein anderes ist freilich das durchaus gesunde und verständliche Bestreben der Autosportier nach einem Wettkampfe Mann gegen Mann. Deshalb sind wir (schon aus Tradition und Neigung) auch die letzten, die etwa gegen Automobilrennen Sturm laufen wollen. Das einzige, was wir wollen, ist, diese Veranstaltungen auf die richtige Ebene zu stellen, und ihnen nicht, um mit Nordhoff zu sprechen, „Attribute zuzuschreiben, die ihnen einfach nicht zukommen*. Es geht nicht um die Automobiltechnik, sondern um Sport oder – um den Reiz der Sensation, und der Volkswagen-Generaldirektor forderte mit gutem Recht, diese beiden Dinge scharf auseinanderzuhalten.

Da ist es interessant, daß selbst das Autoland Amerika, das immer noch führend im Bau schneller und bequemer Wagen ist, nur einmal im Jahr ein internationales Rennen veranstaltet. Es ist das 500-Meilen-Rennen von Indianapolis, und dieses Rennen hat auch sportlich nur einen recht bedingten Wert. Es ist eine geschäftliche Angelegenheit, aus der alle nur Geld machen wollen, der Veranstalter und die Fahrer. Im übrigen gibt es in den USA einen Automobilsport, wie wir ihn kennen, gar nicht. Dort ist das Auto tatsächlich nur ein Gebrauchsgegenstand, sonst nichts.

Eine gewisse Einschränkung wird übrigens unser Motorsport in diesem Jahre wohl sicherlich erleben. – Vestigia terrent –: Das letztjährige Unglück auf dem Grenzland-Ring liegt den verantwortlichen Stellen noch so sehr im Gedächtnis, daß die Motorrad-Straßenrennen in der Eilenriede zu Hannover und das Prinzenpark-Rennen in Braunschweig von den Behörden wohl nicht genehmigt werden; der Hamburger Senat hat das Stadtpark-Rennen ja bereits verboten. Die Kämpfe auf den reinen Rennstrecken sind natürlich nicht gefährdet.

Walther F. Kleffel