Von Hans Selgio

Sensation in Spanien: Beim Anbruch der neuen Stierkampf-Saison stellt sich heraus, daß man seit längerer Zeit den kämpfenden Kolossen die Hörner operiert, um die Szene dramatischer und dennoch die Gefahr für den Torero geringer werden zu lassen.

Triftige Gründe hatten es verlangt: Der „Tod am Nachmittag“ mußte ernstlich rationiert werden. Natürlich nur, soweit es dem immer kostbarer werdenden Torero angeht, den auf Händen getragenen Helden (und Multimillionär) des erbarmungslosen Nachmittags. Den Stieren, das versteht sich, bleibt der Tod in der Arena gesichert.

Zwischen den Kriegen hatte man ein Verfahren angewendet, die Horn-Enden des Kampfstiers zu Dolchspitzen zu feilen: so hatte man mit dem nun als toros afeitados klassifizierten Tieren eine erhöhte Gefahr erzielt, erhöhte Sensationslust, erhöhte Eintrittsgelder. Das vertrug sich noch alles gut mit den klassischen Regeln des Stierkampfes. Niemals sah man (neben manchem niederträchtigen Gemetzel des entfesselten Stümpers) formschönere Corridas und arrogantere Toreros. Die Fremden, die Gäste aus ferner Welt, die Touristen, die in immer größeren Massen zwischen Ostern und Martini kamen, wollten das nervenkitzelnde Erlebnis nicht missen, das ihnen zu Hause um keinen Preis geboten wird. So paßten sich Stil und Tempo im Stierkampfplatz immer mehr den Forderungen der Dollar-Ausländer an, die von keinerlei „tauromachischen“ Kenntnissen belastet, für ihr gutes Geld ein verwegenes Spiel sehen wollten.

Längst werden die Plätze der Einheimischen von einem neuen snobistischen Publikum eingenommen, das keine Geduld mehr für lustlosen Intervallen hat, in denen der Stier zögert, sich auf seinen grazilen Gegner zu stürzen. „Torero!“, schreien sie gellend und grollend, „Torero – Torero – Torerot“ Und der Torero schritt in den sonnengrellen Mittelpunkt der Arena und empfing den heranstürmenden Stier schutzlos, wie zum Gebet, auf den Knien; dieMontera-Kappe flog hoch durch die Luft, die rote Capa hing sauber in Schulterhöhe über dem Degen. Und dann machte der Oberkörper eine kaum merkliche Drehung, das rote Tuch schwang in kleinem Bogen, und mit gesenktem Nacken schoß das schwarze Ungetüm um Haaresbreite mit solcher Wucht ins Leere, daß es selber in die Knie stürzt.

Die Begeisterung raste. Wo sah man augenfälligeren Mut, schnellere Geistesgegenwart, elegantere Bewegungen? Neue Formen waren entwickelt, die es erlaubten, sich in ständiger Tuchfühlung mit der Gefahr zu bewegen und das Spiel schneller und aufregender zu machen. Und das neue Bild in der Arena steigerte nur noch die Ansprüche, den Ehrgeiz, die Heldenverehrung. Die Furchtlosigkeit, mit der sich der Stierkämpfer den Waffen des wutschnaubenden Gegners anbot, war atemraubend. Selbst die zu Gastkämpfen kommenden hartgesottenen Mexikaner waren sprachlos über so viel Sorglosigkeit.

Schon naht die Osterfestwoche in Sevilla, und auf den Weidegründen Andalusiens und Kastiliens trifft man bereits die Wahl unter den stärksten und angriffslustigsten Tieren der ganaderos (Züchter): da lüftet sich das jahrelang streng behütete Geheimnis des bewunderten neuen Stils. Das haarsträubende Risiko des Matador erweist sich als eine nervenkitzelnde Illusion. Was die Lateinamerikaner schon manchmal vermutet hatten, wird jetzt durch die Veröffentlichung des gefeierten spanischen Stierkämpfers Antonio Bienvenida nur allzusehr bestätigt: Das auf Hochglanz polierte, dolchspitze Horn ist nicht mehr ganz echt. Man hat eine kleine Bearbeitung daran vorgenommen, eine regelrechte Operation an der Spitze, die dem Torero ein unvermutbares Maß von Sicherheit garantiert. Nicht nur, daß die natürliche Spitze um Daumenbreite abgesägt und durch eine hölzerne ersetzt ist, die im entscheidenden Augenblick abbricht, man hat auch, indem man dabei einen Nerv außer Gebrauch setzte, dem Stier seine Zielsicherheit und seinen gleichsam antennenhaften Tastsinn genommen. Die Verwundung aber hat die gleichsam blinde Angriffslust oder Beweglichkeit noch gesteigert ...